ARD, Donnerstag, 16. Mai: "Das Milliardending"

Berlin ist ein Monstrum: zu groß, zu laut, zu grob, zu abgelegen. Ein erratischer Klumpen, hingehauen an zwei unschuldige Flußläufe, ein synkretistisches Konglomerat aus Dörfern, Garnisonen, Residenzen, Kolonien, Marktflecken und Schtetln, eine Mißgeburt ohne Schlagadern und Herz, ein ausgekippter Baukasten, ein Krüppel, ein Geschöpf, das schon ausgeröchelt hatte und jetzt mit transplantierten Organen und mehreren Krücken auf den Nerven der Mitwelt herumhumpelt, ein gealterter Poseur, der das Barock, den Klassizismus und den Jugendstil nicht mehr richtig zusammenkriegt, eine Metropole ohne Weichbild – nur voller tumber Imitate, ohne Geheimnis, mit einem Wort: der ideale Regierungssitz des wiedervereinigten Deutschlands.

Seit die Mauer fiel, ist Berlins einzige internationale Sehenswürdigkeit dahin. Mit ihr fiel die Höflichkeit und die politische Vorsicht, die geboten hatten, Berlin schönzureden. Die Touristen, die Politiker, die Berliner selbst – sie schauen auf diese Stadt und erkennen, wie erbarmungswürdig häßlich sie ist. Unter diesen Umständen ist es kaum zu glauben, daß alle Welt jetzt nicht nur einen Koffer, sondern ein Grundstück in Berlin hat und auch noch reklamiert.

Susanne Opalka und Johann Legner haben über die gemischte Gesellschaft, die da Schlange steht, um Berlins irreal existierende Mitte zurückzuverlangen, einen bemerkenswert eleganten Film gedreht, ein Stück funkelnder Information und lebhaft erzählten Augenfutters, wie Berlin es gar nicht verdient. Vielleicht aber sollte man’s andersrum sehen: Gerade Berlin, dieses klobige Sodom, braucht reizvolle Filme, die von ihm berichten. So einer ist Das Milliardending.

Das "Amt zur Regelung offener Vermögensfragen" wird auf hundert Jahre zu tun haben, bis aller exsozialistischer Grund und Boden wieder in Händen geflohener Alt-Berliner und überseeischer Erben angekommen ist. Da behauptet jemand, seufzt eine Angestellte des Amts, seinen Vorfahren habe "die ganze DDR gehört. Und" – sie kann es kaum glauben – "er will die wiederhaben."

Der Alex-Fernsehturm steht auf der ehemaligen Klosterstraße, wo Handschuhfabrikant Riemer seine Häuser hatte: Er braucht die Entschädigung, um mit den Handschuhen wieder anzufangen. David Rauch, jüdischer Erbe aus London, muß es mit einem Kraftwerk aufnehmen, wenn er an das Grundstück seiner Väter ran will, um dort ein "Multi-Activity-Center" hinzupflanzen. Hanno Klein von der Bauverwaltung stellt verwundert fest, daß viele jüdische Familien "Interesse an Berlin" bekunden. Sie wurden noch von den Nazis enteignet, kommen mit Erwartungen und Plänen und laden den Rechtsstreit beim "Amt..." ab.

Aber nicht bloß die Mittelständler, auch Big Money wallt nach Berlin. Sony und Bertelsmann sitzen am Potsdamer Platz, und Edzart Reuter spricht wie ein Gewerkschaftler von "Menschen, die auf Arbeit warten". Wird der Potsdamer Platz Wolkenkratzer tragen und Berlin endlich eine Skyline schenken? Wird die Friedrichstraße zum Berliner Broadway? Die Wilhelmstraße zur Pracht-Avenue? Architekt Stefan Schroth weiß, daß Berlin nur so weitermachen und -wachsen kann, wie es angefangen hat: ungesteuert, wüst, dezentral. Die große Idee gibt’s nicht, meint er. Und: "An jeder Ecke tut sich was." So war das immer mit Berlin, dieser Eckenstadt. Barbara Sichtermann