Aus der Wirklichkeit: Ein Mann im korrekten Geschäftsanzug fliegt durch die Luft. Ein Bettler öffnet die Hand. Ein Demonstrant blutet. Ein Paar küßt sich. Ein Clown guckt ernst. Zwei Zoobesucher verbergen sich unter einem Pappkarton – neben einem Paar in karierten Jacken neben zwei Elefanten. Ein Mann und eine Frau gehen mit zwei Affen durch den Central Park. Frauen überqueren mit ausholenden Schritten die Straße. Menschen am Flughafen warten, auf den Abflug, auf die Ankunft.

"Es gibt nichts Mysteriöseres als eine klar beschriebene Tatsache", sagte Garry Winogrand und suchte in alltäglichen Situationen den entscheidenden Augenblick zu erwischen und festzuhalten. Er war ein manischer Photograph. Als er 1984, 56 Jahre alt, starb, hinterließ er neben all den veröffentlichten Photographien noch 300 000 unentwickelte Aufnahmen.

Zweihundert seiner irritierend banalen Photographien sind jetzt unter dem Titel "Bilder aus der realen Welt" im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Die vom New Yorker Museum of Modern Art zusammengestellte Wanderausstellung ist die erste große Präsentation des amerikanischen Photographen in Deutschland und zeigt die Bedeutung eines hierzulande kaum bekannten Klassikers der jüngeren Photogeschichte, der mit seiner Arbeit auch die gängige Unterscheidung zwischen dokumentarischer und kreativer Photographie in Frage gestellt hat. Mit seiner oft gekippten oder schräg gehaltenen Kamera hoffte er herauszufinden, "wie die Welt photographiert ausssieht".

Angefangen hatte der 1928 in der New Yorker Bronx geborene Winogrand in den frühen fünfziger Jahren mit Auftragsarbeiten, 1963 brach er mit dieser Praxis; ein Stipendium erlaubte ihm 1964 eine photographische Studie über das amerikanische Leben – in der Tradition seiner Kollegen Walker Evans und Robert Frank. Damals schrieb er: "Ich lese die Tageszeitungen, die Kolumnisten, einige Bücher, sehe in die Magazine. Sie alle geben sich ab mit Illusionen und Phantasien. Ich kann daraus nur schließen, daß wir uns selbst verloren haben."

Auf diesen Verlust weisen viele seiner Aufnahmen. Sie spiegeln das Verlorene in Gesichtern und Straßenpassanten, Ballbesuchern und Reisenden, von Boxern und Artisten, Prominenten und Namenlosen. Doch verletzend sind Winogrands Bilder nie. Er interpretierte nicht, er wollte "keine Botschaft" verbreiten. Sein Ziel war nicht, gute Bilder zu machen (wie man im amerikanischen Ausstellungskatalog liest), sondern das Leben durch Photographien zu erkennen – hinzusehen auf die wirkliche Welt. Und so macht Winogrands Werk auf ebenso vielschichtige wie einfache Weise schließlich auch das sichtbar: Gebäude, Kleider und Frisuren der Menschen ändern sich – doch etwas bleibt gleich. (Museum Folkwang bis 30. Juni, Katalog 48 Mark)

Raimund Hoghe