Von Benjamin Henrichs

Luft!“ schreit der Schurke Clavigo, „Luft! Luft!“, als sein Liebesverrat aufgedeckt wird – und schafft sich Luft, indem er redet, redet, redet.

„Luft! Luft!“ ruft zwei Akte später auch die verratene Geliebte, Marie Beaumarchais, dann ruft sie nur noch „Clavigo!“ – und schafft sich Luft, indem sie einfach stirbt.

Goethes „Clavigo“ ist ein Schauspiel für Liebende und ein Drama der Erstickenden. Ein Mädchen wird stranguliert von seinem Liebesschmerz. Ihrem wankelmütigen Liebhaber raubt das schlechte Gewissen den Atem und die Lust am Leben. Aber auch die anderen Figuren im Trauerspiel, die Nichtverliebten, ringen ständig nach Luft. Der redliche Beaumarchais droht zu ersticken an der Bosheit und Lügenhaftigkeit der Menschen. Dem schuftigen Carlos wiederum verschlägt es den Atem, wenn er die verlogenen Gefühle, die verliebten Dummheiten seiner Zeitgenossen mitansehen muß.

Das Theater ist eine fensterlose, beinahe luftdichte Höhle. Wer ein Bühnenbild baut (noch dazu eines für „Clavigo“) müßte zuallererst nachdenken über das Thema „Fenster, Licht und Luft“. Karl-Ernst Herrmann hat das Bühnenbild erfunden für Claus Peymanns Wiener Inszenierung von Goethes Trauerspiel „Clavigo“. Und weil er der klügste aller Bühnenbildner ist, spielen nun in Wien nicht nur wundervolle Schauspielkünstler die Hauptrollen, sondern eben auch: die Fenster, das Licht und die Luft.

Am Fenster steht der Journalist Clavigo, wenn das Stück beginnt, und schreibt. Zum Fenster stürzt die arme Marie, wenn sie sich gerettet glaubt, reißt es weit auf – und ein Wind fährt durch die weißen Vorhänge. Zum Fenster rennt der gute Beaumarchais, als die Schwester gestorben ist, und schreit seine Wut und seinen Schmerz in die Stadt hinaus. Und ein winziges, erleuchtetes Fenster, ganz in der Tiefe der Bühne, ganz am Ende einer Allee, spielt eine geheimnisvolle Hauptrolle beim blutigen Finale des Stücks.

Nur Carlos (der Intrigant, der Versucher) braucht kein Fenster mehr zum Luftholen. Er hat sich ganz an das Leben in den finsteren Kabinetten und Boudoirs Spaniens gewöhnt. Er ist längst zum lichtscheuen Höhlen- und Höllenbewohner geworden. Wenn Carlos Luft braucht, genügt ihm dazu vollkommen sein Fächer.