Von Harold Brooks-Baker

LONDON. – Es geht das Gerücht, das nächste Buchprojekt der notorischen Kitty Kelley, die kürzlich eine skandalöse Biographie über Nancy Reagan veröffentlicht hat, solle ein vernichtender Schlag gegen Prinz Philip werden. Sollte eine solche „Biographie“ des Gemahls Königin Elisabeths II. auch nur annähernd so viel Schmutz aufwirbeln wie die über Nancy Reagan, könnte die britische Monarchie großen Schaden nehmen. Kelley und ihre raffgierigen Nachahmer sind die Lieblinge der Klatschspaltenleser. Und die außergewöhnliche Aufmerksamkeit von Presse und Fernsehen, die Kelley vor kurzem während ihres Besuches in London erleben durfte, wird sie womöglich zusätzlich reizen, ein Buch über den Herzog von Edinburg zu schreiben.

Prinz Philip von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, so sein Geburtsname, oder Prinz Philip von Battenburg, als der er bekannt wurde (der Zuname seiner Mutter), oder Philip Mountbatten, wie er vom britischen Volk genannt wird, würde sicherlich einige Blessuren aus Kelleys spitzem Kugelschreiber davontragen. Seine Kritiker in Griechenland, Dänemark, Deutschland und Frankreich hätten dann endlich eine Chance, gegen ihn vom Leder zu ziehen. Das Ergebnis stünde von vornherein fest: Liebhaber königlicher Biographien könnten damit rechnen, Behauptungen ohne jede Überprüfung serviert zu bekommen. Außerdem müßte man sich auf eine Menge Gerüchte, Andeutungen und Verleumdungen gefaßt machen.

Das hohe Ansehen, das Philip unter anderem wegen seines Interesses am Naturschutz in der ganzen Welt genießt, geriete in einer Kelley-Biographie mit Sicherheit unter die Räder. Gemäß ihrem Prinzip, einen Menschen durch bloße Unterstellungen schuldig zu sprechen, bestünde ein Bericht über Philip – genauso wie die Bücher Kelleys über Frank Sinatra, Nancy Reagan und Jacqueline Onassis – aus Schund, Halbwahrheiten, Erfindungen und Verzerrungen.

Biographien dieser Art sind deshalb so erfolgreich, weil sie ein Verhalten von Berühmtheiten schildern, das mit den moralischen Werten der Mittelschicht nicht vereinbar ist. Bis in die sechziger Jahre hielt diese Bevölkerungsschicht zu beiden Seiten des Atlantiks an einem puritanischen Sittenkodex fest: Uneheliche oder „perverse“ Beziehungen waren tabu. Paradoxerweise akzeptiert aber heutzutage beispielsweise der aufgeklärte britische Mittelstand so gut wie jede sexuelle Verfehlung bei sich selbst, verlangt jedoch von der königlichen Familie, daß sie über jeden Verdacht erhaben ist. Wenn die vielen Geschichten aus dem Königshaus nach der Machart Kelleys präsentiert worden wären, hätte man die Monarchie längst abgeschafft.

Oft bleibt von historischen Persönlichkeiten bei dem Leser nur ihr unstillbarer sexueller Appetit in Erinnerung, obwohl sie durchaus andere, positive Eigenschaften gehabt haben mögen. König Wilhelm „der Bastard“, wie seine Gefolgsleute ihn nannten, oder „der Eroberer“, als der er in die Geschichte einging, hatte unter seinen Nachfahren viele Monarchen, die bis in die jüngste Vergangenheit die puritanische Öffentlichkeit schockiert hätten. Historischen Dokumenten zufolge waren die folgenden Könige ebenfalls mit unehelichen Kindern gesegnet: Heinrich I. (21), Stephen (3), Heinrich II. (2), Richard I. (1), John (8), Edward I. (1), Edward II. (1), Edward III. (1), Edward IV. (2), Heinrich VIII. (1), Charles II. (14), James II. (6), George I. (4), George IV. (2) und Wilhelm IV. (11).

Glücklicherweise hielt sich die Presse in diesem Jahrhundert so sehr zurück, daß nur die bessere Gesellschaft von den pikanten Kalamitäten der britischen Krone erfuhr. So konnte der Schaden im Falle König Edwards VII. und seiner Mätressen durch ein paar leise Worte in die richtigen Ohren in Grenzen gehalten werden. Und hätte es Kelleys Methode zur Lebensdarstellung eines Monarchen schon gegeben, als James I. sich mit seinen homosexuellen Liebhabern vergnügte, wäre heute keine Monarchie mehr da, die man lieben oder hassen könnte.