Wer blaumacht, mißbraucht die Lohnfortzahlung. Doch dies ist kein Grund, den Sozialstaat abzubauen

Schimpf und Schande über die Deutschen: Faul sind sie und Lügner obendrein. Wer keinen Bock auf Arbeit hat, schiebt Unpäßlichkeit vor und lacht sich ins Fäustchen, weil diese Art von Freizeit bezahlt wird. Krankfeiern, so behauptete unlängst der Spiegel, ist hierzulande Volkssport. Seitdem fahnden die Boulevardblätter nach Drückebergern, und natürlich "finden" sie die erstaunlichsten Fälle von Absentismus: drei Tage frei wegen Liebeskummer, ärztlich abgesegnet. So leicht geht es, und nun steht der Sozialstaat wieder am Pranger. In Wahrheit aber gehörten dorthin all jene, die nicht reif sind, ein sinnvolles soziales Netz verantwortungsvoll zu nutzen.

Das Problem ist nicht neu, nur neu verkauft. Als Heinrich Weiss zu Beginn des Jahres Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie wurde, führte er sich gleich mit einer Forderung ein, die ihm garantiert Pluspunkte bei seiner Klientel brachte: Die Deutschen feierten zu viel krank, daher müsse die Lohnfortzahlung überprüft werden. Der Spiegel trat dann mit seiner Titelgeschichte eine Lawine los.

Tatsächlich muß man sich über die Deutschen wundern. Es geht ihnen gut; im internationalen Vergleich hohes Lohnniveau, kurze Arbeitszeit, gute Sozialleistungen, ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, verbesserte Umweltqualität. Das alles schlägt sich nieder in hohen Zufriedenheitswerten bei Umfragen. Dennoch fehlen die westdeutschen Arbeitnehmer häufiger als andere: Von hundert Arbeitstagen lassen sie durchschnittlich 8,5 Tage ausfallen. Nur zwei Industrieländer, Norwegen und Schweden, registrieren höhere Werte.

Wie paßt das zusammen? Das Mißtrauen wächst, wenn man sich die Verteilung der Krankheitstage anschaut. Freitags und montags fehlen Arbeitnehmer am häufigsten, als bräche rund ums Wochenende eine Epidemie aus. Und den endgültigen Beweis für die hohe Simulationskunst der Deutschen scheint nun eine Studie des Mittelstandsforschers Eberhard Hamer aus Hannover zu liefern. Bei Umfragen ermittelte er, daß ein Drittel der Krankheiten von Arbeitnehmern nur vorgetäuscht seien. Sicherlich wird es bald eine Gegenstudie geben, doch kann niemand bezweifeln, daß zu viel blaugemacht wird.

Darüber ärgern sich vor allem die Arbeitgeber – mit gutem Grund. Seit 1970 müssen sie Löhne und Gehälter vom ersten Krankheitstag an für sechs Wochen in voller Höhe weiterzahlen. Das hat sie im vergangenen Jahr 34 Milliarden Mark gekostet. Folgt man Professor Hamer, dann finanzierten sie mit knapp zwölf Milliarden Mark die Faulheit der Simulanten – viel Geld, das gerade jetzt sinnvoller verwendet werden könnte.

Die Unternehmer sehnen sich daher nach den Karenztagen zurück, die es früher gab. Wer krank wurde, mußte am ersten Tag auf Lohn oder Gehalt verzichten. Mit einiger Sicherheit würde diese Regel den falschen Kranken den Spaß an der unverdienten Freizeit verleiden. Aber Karenztage haben derzeit keine Durchsetzungschance. Zwar preschte der FDP-Sozialpolitiker Dieter Thomae vor und unterstützte die Forderung der Arbeitgeber. Aber seine Partei pfiff ihn zurück. Auch die Union will alles beim alten lassen.