Es scheint, als sei es die normalste Sache der Welt, wenn der Präsident der zweitwichtigsten Notenbank das Handtuch wirft. Weder in Bonn noch in Frankfurt zeigte man sich sonderlich beunruhigt, als Karl Otto Pöhl in der vergangenen Woche „aus persönlichen Gründen“ sein vorzeitiges Ausscheiden ankündigte. Selbst an den sonst so sensiblen Börsen blieb der Schritt des Bundesbankchefs ohne Folgen, obwohl früher allein das vage Gerücht, Pöhl denke an Rücktritt, Kurssprünge auslösen konnte.

Offenbar rechnet niemand damit, daß sich an der Politik der Bundesbank etwas ändert. Irritiert hat lediglich der Zeitpunkt der Demission. Selbst jene, denen Pöhl schon vor langem anvertraut hatte, er wolle nicht bis zum Ende der achtjährigen Wahlperiode im Amt bleiben, waren überrascht. Immerhin befindet sich die Geldpolitik gerade in einer sehr schwierigen Phase. Die Folgen der deutschen Einheit sind noch nicht verkraftet, und die Europäische Währungsunion steht vor der Tür. Da wäre ein starker Mann mit internationalem Renommee zumindest hilfreich.

Ende Oktober wird Pöhl nach zwölf Jahren Präsidentschaft seinen Ausstand geben. Grund zum Feiern hat er genug, denn die Geldpolitik konnte während seiner Amtszeit große Erfolge verbuchen. Die Mark hat sich zu einer der stabilsten Währungen entwickelt. Der Aufstieg zur Weltwährung schuf die Grundlage für den lang anhaltenden Boom der deutschen Wirtschaft. Er war das Ergebnis einer kompromißlosen Stabilitätspolitik der Bundesbank. Strenger als jemals zuvor wurde seit Ende der siebziger Jahre die Geldmenge am Wachstum des Produktionspotentials ausgerichtet und jede Inflationstendenz im Keim erstickt. Zeitweise führte das zu paradiesischen Zuständen: hohe Realzinsen für Anleger, geringe Schuldzinsen für Kreditnehmer.

Doch inzwischen hat sich der Wind gedreht. Bereits 1988 mußte die Bundesbank damit beginnen, die Zinsschraube wieder anzuziehen. Und der Fall der Berliner Mauer droht jetzt die Strategien der Frankfurter Geldmengenjongleure vollends zunichte zu machen. Die Übernahme der Ost-Wirtschaft verursacht Staatsschulden, Steueranhebungen und Lohnerhöhungen. Dies alles schlägt nun auf die Preise durch. Erstmals seit 1982 soll die Inflationsrate im Laufe des Jahres auf mehr als 3,5 Prozent klettern. Durch die deutsche Währungsunion ist mehr Geld im Umlauf, als inflationsneutral zu verkraften wäre.

Gleichwohl läßt die Bundesbank keinen Zweifel daran, daß sie ihrer harten Linie treu bleiben und weiter auf die Zinsbremse treten will. Nur so kann sie die Preisentwicklung im Griff behalten. Doch höhere Zinsen bremsen nicht nur die Inflation, sondern auch das wirtschaftliche Wachstum (siehe Seite 22). Unternehmer investieren weniger in den neuen Bundesländern, weil ihnen die Kredite zu teuer sind. Konsumenten schieben den Kauf von Autos oder Möbeln auf. Altschuldner gehen pleite, weil sie die neuen Zinssätze nicht bezahlen können. Die Arbeitslosigkeit steigt, und neue Arbeitsplätze werden nicht geschaffen. Dennoch, so beteuert das Direktorium der Bundesbank, sei eine konsequente Inflationsbekämpfung die beste Sozialpolitik, da nur sie langfristig ein solides Wirtschaftswachstum gewährleiste.

Im Ausland sieht man das etwas anders. Keine andere Notenbank verfolgt eine so harte Stabilitätspolitik wie die deutsche. In den Vereinigten Staaten wie in Frankreich oder Großbritannien ist man viel eher zu einer pragmatischen Geldpolitik bereit, wenn es die Lage erfordert. Dann werden Zinsen auch einmal trotz anziehender Preise nicht erhöht, um die Exportindustrie zu unterstützen.

Dieser grundsätzliche Unterschied in der Geldpolitik erweist sich als die größte Hürde auf dem Weg zu einer Wirtschafts- und Währungsunion in Europa. Zwar haben sich die Finanzminister und Notenbankchefs der zwölf EG-Mitgliedsstaaten informell darauf verständigt, daß eine europäische Zentralbank der Geldwertstabilität verpflichtet und von politischen Weisungen unabhängig sein soll. Auch der deutsche Vorschlag, die Europäische Währungsunion mit einer Rumpfgemeinschaft – Deutschland, Frankreich, Beneluxstaaten und Dänemark – zu beginnen, fand Anklang. Doch von einer endgültigen Einigung ist man noch weit entfernt. Daß etwa die Pariser Regierung wirklich bereit sein wird, ein wirtschafts- und sozialpolitisches Machtinstrument wie die Geldpolitik an unabhängige Zentralbanker abzutreten, ist noch nicht ganz sicher.