Von Matthias Naß

Mao Tse-tung war sich seiner Sache sicher. "Ich glaube", verkündete der Große Steuermann, "die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht darin, daß der Ostwind über den Westwind die Oberhand gewonnen hat, das heißt, daß die sozialistischen Kräfte den imperialistischen Kräften absolut überlegen sind." Das war 1957 in Moskau. Angstvoll blickte der Westen auf das scheinbar festgefügte Bündnis von Chinesen und Sowjets. Damals drohte Nikita Chruschtschow, Maos Gastgeber, dem Klassenfeind noch: "Wir werden euch begraben!"

Bald danach kam es zwischen Moskau und Peking zum Bruch; die beiden kommunistischen Großmächte führten ihren eigenen Kalten Krieg miteinander. Er flaute schon vor zehn Jahren wieder ab. Gorbatschow reiste im Mai 1989 nach China und geriet mitten in die Tumulte am Tiananmen-Platz. Jetzt hat zum ersten Mal wieder ein chinesischer Parteichef Moskau besucht.

Das Treffen im Kreml zwischen Jiang Zemin und Michail Gorbatschow weckte keine Ängste mehr. Der Wind des Wandels bläst heute aus dem Westen. In Osteuropa hat er den Modergeruch des Kommunismus schon hinweggefegt. In der Sowjetunion öffnete Gorbatschow selbst die Fenster, um frische Luft hereinzulassen und zu neuem Denken zu befähigen. Peking freilich hat mittlerweile die Luken wieder fest verschlossen, um das Land gegen "Fliegen und Würmer" abzuschotten: unerwünschte westliche Ideen, die im Jahrzehnt der Reformen mit wirtschaftlichem Know-how in die Volksrepublik eingedrungen waren.

Grund zur Sorge besteht nicht, wenn nun auch Chinesen und Sowjets den Kalten Krieg zwischen ihren Ländern für beendet erklären. Beide wollen vor allem die eigene Wirtschaft modernisieren – mit den Rezepten und der Hilfe des Westens. Eine Rückkehr zur sowjetisch-chinesischen Allianz der fünfziger Jahre schließen sie aus.

Diese Allianz hatte gerade ein Jahrzehnt gehalten. Chruschtschows vorsichtige Entspannungspolitik gegenüber Amerika erboste Mao Tse-tung; seine Weigerung, China Atomwaffentechnik zu liefern, brachte das Faß zum Überlaufen. Der Kampf um die Führung im Weltkommunismus mündete schon 1960 im Schisma. Über Nacht kündigten die Sowjets die wirtschaftlichen Kooperationsverträge auf und zogen sämtliche Entwicklungshelfer ab. "Wir haben uns stets bemüht, China nicht zu kränken, bis die Chinesen anfingen, uns zu kreuzigen", kommentierte Chruschtschow in seinen Memoiren den Bruch. "Und als sie anfingen, uns zu kreuzigen – nun, ich bin nicht Jesus und hatte es nicht nötig, die andere Wange hinzuhalten."

Ihre Rivalität führte die roten Giganten in den sechziger Jahren an den Rand des Krieges. Mao rief sein Volk auf, "tiefe Tunnel" zu graben und Getreidevorräte anzulegen; Breschnjew fühlte in Washington vor, ob die Amerikaner zu einem Präventivschlag gegen das chinesische Atomzentrum Lop Nor bereit seien oder einen konventionellen Sowjetangriff gegen dieses Ziel hinnehmen würden. Zum Krieg kam es nicht, aber im Frühjahr 1969 lieferten sich russische und chinesische Soldaten blutige Scharmützel am Grenzfluß Ussuri. Moskau warf Peking weltrevolutionäres Abenteurertum vor, die Chinesen verteufelten den sowjetischen "Hegemonismus und Sozialimperialismus".