Die nicht purpurgeborene Griechin Theophanu herrschte mit politischem Verstand und Wendigkeit

Von Freerk Bulthaupt

Sie war eine kühl berechnende Märchenprinzessin mit dem anerzogenen Willen zur Macht. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, wurde sie als Unterpfand eines weltpolitischen Interessenausgleichs ortsversetzt: aus Byzanz, der pulsierenden Griechenmetropole am Bosporus, dem glanzvollen Zentrum des oströmischen Kaiserreiches, in das unwirtliche, ökonomisch und kulturell rückständige Nebelland zwischen Rhein und Elbe. Die dort hausenden Barbaren hatten seit der Mitte des 10. Jahrhunderts durch den Sachsenkönig Otto den Großen an die glorreichen Zeiten Karls des Großen angeknüpft und mit dem weströmischen Kaisertitel die Herrschaft über zentrale Teile Europas erlangt. Im Jahre 971 waren sie in langen Verhandlungen mit den Byzantinern zu einer Bereinigung territorialer und politischer Streitfragen gekommen; dabei hofften sie, mit Hilfe eines Heiratsgeschäftes, das ihre friedlichen Absichten bekräftigen sollte, internationales Prestige zu gewinnen.

Die griechische Braut Theophanu – der Name bedeutet soviel wie „Göttliche Erscheinung“ – wurde am 14. April 972 im Petersdom zu Rom mit Otto II., dem siebzehnjährigen Sohn und designierten Nachfolger Ottos des Großen, feierlich vermählt und vom Papst zur Kaiserin gekrönt. Obwohl sie sich als gute Ehefrau erwies, die mit dem Gatten durch dick und dünn ging und ihm sechs Kinder gebar, demonstrierte sie von Anfang an, daß sie nicht einfach nur ein dekoratives Anhängsel ihres Gatten war. 974 konzedierte ihr Otto II. urkundlich den in Deutschland einzigartig gebliebenen Herrschertitel „Mitkaiserin“ (Coimperatrix).

Die Frage war allerdings, welche politischrechtliche Bedeutung ihr Herrschaftsrang in bezug auf das internationale, von Byzanz etablierte Titelsystem der „Familie der Könige“ hatte, an dessen Spitze nach byzantinischem Verständnis der oströmische Basileus (Großkönig) stand. In der Titelproblematik spiegelte sich deutlich das brisante Verhältnis der beiden rivalisierenden Großmächte aus Ost und West.

Solange am Bosporus mit Johannes Tzimiskes ein Onkel der exportierten Braut regierte, der Frieden mit dem Westen suchte, hatte die deutsche Seite den Byzantinern stillschweigend eine Art abstrakter Oberhoheit zugebilligt; nach dem gewaltsamen Tod des Tzimiskes stimulierte Theophanu die Falken am sächsischen Hof, sich nicht mehr Byzanz unterzuordnen und einen militärischen Konflikt in Unteritalien zu wagen, wo sich die byzantinische und die deutsche Einflußsphäre überschnitten. Das einstweilige Scheitern dieser Offensive und der frühe Tod Ottos II. machten der jungen Kaiserin einen Strich durch die Rechnung.

Theophanu geriet zudem durch den Umstand in Bedrängnis, daß ihr die Vormundschaft über ihren bereits zum König gekrönten, aber noch unmündigen Sohn Otto III. von den mächtigen bayerischen Verwandten streitig gemacht wurde. Sie warnten vor einem „Weiberregiment“ und hetzten mit ausländerfeindlichen Parolen gegen Theophanu. Daß sie dennoch als Siegerin aus den innenpolitischen Auseinandersetzungen hervorging, verdankte sie ihrer Kampfbereitschaft und Zähigkeit, einem überlegenen politischen Verstand und einer Wendigkeit, die sie vor der Isolierung schützte und ihr zeitweilige Zweckbündnisse – wie mit der ungeliebten Schwiegermutter Adelheid – erlaubte.