Die Treuhandanstalt verkauft immer mehr ostdeutsche Betriebe an deren Chefs

Von Judith Reicherzer

Eine Zauberformel geht um in Ostdeutschland: "Em-bi-ou" raten die Firmenverkäufer in der Berliner Treuhandanstalt. Auf "Embe-o" hoffen die altgedienten Manager der ehemaligen volkseigenen Betriebe. Und auch westdeutsche Unternehmensberater haben "MBO" auf ihre Fahnen geschrieben. Sie alle wollen damit die Firmen in den neuen Bundesländern retten: Mit MBO gegen die Pleite.

Das Kürzel, das so vielversprechend Karriere macht, steht für Management-buy-out, also für den Erwerb eines Unternehmens durch die zuvor nur angestellte Geschäftsleitung. Seinen Ursprung hat MBO in Amerika; in den Vereinigten Staaten haben während der achtziger Jahren in weit über tausend Fällen Manager ihre Firma gekauft, in Westdeutschland waren es binnen sechs Jahren über dreihundert Unternehmen. Beispiele sind das Elektronikunternehmen Loewe Opta, der Händler für Motorradaccessoirs Hein Gericke und der Werkzeugmaschinenbauer Ex-Cell-O.

In diesem Frühjahr nun hat die Treuhandanstalt das MBO für sich entdeckt. Statt auf kaufbereite Westfirmen zu warten oder einen Betrieb "abzuwickeln", will Treuhandchefin Birgit Breuel die Geschäftsführer der ehemaligen VEBs zum Zuge kommen lassen. Bereits im März schrieb Frau Breuel, damals noch Vizepräsidentin unter Detlev Rohwedder, in einem Rundbrief an die Treuhandunternehmen, Management-buy-out erlaube "die unternehmerische Entfaltung von engagierten Unternehmensleitungen" und trage "zur Schaffung eines eigenständigen Mittelstandes in den neuen Bundesländern bei". Schon im Februar hatte die Berliner Zentrale festgelegt, daß dem Management künftig Priorität bei der Privatisierung der alten DDR-Firmen einzuräumen sei.

Jetzt werben die Treuhändverkäufer massiv für das Konzept. Auf einem MBO-Kongreß diese Woche in Berlin erfahren 750 ostdeutsche Firmenchefs, wie sie zu Arbeitgebern werden können. Das Interesse ist riesig. Trotz Eintrittspreisen von 400 Mark mußten aus Platzgründen weitere 500 Interessenten außen vor bleiben. Nicht nur die Treuhand, auch westdeutsche Berater, die Medien und vor allem die Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP) haben in den vergangenen Wochen diese Form der Unternehmensverkäufe von Rostock bis Dresden propagiert. "Die Stimmung ist blendend", sagt AGP-Geschäftsführer Michael Lezius. "4600 Betriebe können derzeit von der Treuhand nicht an Westler verkauft werden. Vor allem die bietet man dem Ostmanagement an. Bis 1993 wird es in der ehemaligen DDR 3000 bis 4000 MBOs geben." Bis jetzt sind gerade 150 Unternehmen an leitende Angestellte gegangen, knapp zwanzig Prozent aller Treuhandverkäufe.

Doch die Eigentumseuphorie, die derzeit viele Ostchefs erfaßt, ist nur bedingt gerechtfertigt. Selbst in der Treuhandanstalt warnen die Spezialisten inzwischen davor, an Management-buy-out wie an ein Wundermittel zu glauben. Die Erfahrungen bisher sind nämlich nicht immer die besten. Einige der mutigen Jungunternehmer, die ihren alten VEB kauften, stehen bereits kurz vor der Pleite. Denn nach dem Notartermin fangen die Probleme erst richtig an.