Von Eberhard Rondholz

Es gibt im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg Ortsnamen, die mehr symbolisieren als nur die Schlacht, die an dem jeweiligen Ort stattgefunden hat: So steht Stalingrad für den Anfang vom Ende, Kreta dagegen für ein militärisches Bravourstück, das einzig und allein unter dem Aspekt dort bewiesener deutscher „Soldatentugenden“ gewertet und – heroisiert wurde: Die Eroberung der Insel durch deutsche Fallschirmtruppen im Mai 1941, Deckname: „Unternehmen Merkur“. Auch der vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) herausgegebene „Kleine kultur- und militärgeschichtliche Wegweiser“ für nach Kreta abkommandierte Bundeswehrsoldaten hat noch vor ein paar Jahren an der Heldenlegende mitgestrickt, obwohl sie im dritten Band der (ebenfalls im MGFA bearbeiteten) wissenschaftlichen Reihe „Das Deutsche Reich und der 2. Weltkrieg“ längst korrigiert worden war.

Doch das war nicht der einzige Mangel: Es fehlte auch jeder Hinweis auf die schlimmen Folgen des „Unternehmens Merkur“ für die kretische Zivilbevölkerung. Diesem Mangel ist, nach vielstimmiger Kritik in den Medien, jetzt abgeholfen worden. Der in einer völlig veränderten Version neu aufgelegte „Reiseführer“ für die Hand der Truppe problematisiert nicht nur die alte Heldensaga von der „Schicksalsschlacht“, sondern informiert ausführlich über das, was die Wehrmacht in den Okkupationsjahren auf der Insel so alles angerichtet hat. Es handelt sich bei dem neu eingearbeiteten Kapitel um einen Extrakt aus der Magisterarbeit der Historikerin Marlen von Xylander, die ebenfalls beim MGFA erschienen ist, und zwar in der Reihe „Einzelschriften zur Militärgeschichte“.

Die kretische Zivilbevölkerung hat den deutschen Eindringlingen von Anfang an Widerstand entgegengesetzt. Und sie hat bitter dafür bezahlt: Mit großer Brutalität wurde jede Aktion der kretischen Partisanen durch sogenannte „Sühnemaßnahmen“ geahndet, die erheblich über das hinausgingen, was ein noch so weit ausgelegtes Kriegsvölkerrecht als zulässig erscheinen lassen mochte: Da wurden Dutzende von Dörfern dem Erdboden gleichgemacht, in einigen Fällen auch Frauen und Kinder massakriert (und die unschuldigen Opfer hinterher in den Kriegstagebüchern in „Bandenmitglieder“ umgefälscht). Es wurden in der Regel auch die schlimmsten Exzesse von den Generälen nicht mißbilligt, im Gegenteil: Der 1947 von den Griechen als Kriegsverbrecher hingerichtete General Friedrich-Wilhelm Müller forderte in einem seiner Befehle zur Partisanenbekämpfung ausdrücklich zum Verzicht auf Zurückhaltung gegenüber nicht schuldigen Männern, Frauen und Kindern auf.

Interessant ist der Hinweis auf das völlig andersartige Verhalten der Italiener, die bis zur Badoglio-Kapitulation im September 1943 einen kleineren Teil der Insel besetzt hielten. „Nur“ 22 getötete kretische Zivilisten gingen auf das Konto der Italiener, eine Zahl, der rund 3500 Opfer der deutschen Besatzer gegenüberstehen.

Doch die deutschen Besatzer haben nicht nur gemordet und Hunderte von Dörfern zerstört; sie haben auch regelrecht geplündert, ganze Mitgifttruhen aus den Häusern geraubt, nicht zuletzt auch Nahrungsmittel, weit über die „kriegsüblichen“ Requirierungen hinaus. Nur die Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes für Kreta verhinderte eine Hungersnot größeren Ausmaßes.