Von Marcel Bergmann

Vor uns leuchten die roten Stopplichter eines Lkw, rechts staut sich der Verkehr, links bleibt eine winzige Lücke zwischen zwei Wagen, blinkende Stoßstangen über staubigem Asphalt, die sich anziehen wie zwei Magnete. Unser Fahrer gibt noch einmal Gas, reißt am Steuer, das Fahrzeug schert aus, die Ladefläche des Lkw scheint zum Greifen nah, die ganze Welt ein großes, rotes Bremslicht, dann Augen zu, der Knall, der nicht kommt: Wir sind vorbei.

Den kleinen Lieferwagen mit allerlei Obst und Gemüse, der plötzlich vor uns auftaucht, überholen wir rechts, mit zweimaligem kurzem Hupen, müssen aber gleich danach wieder nach links rüber, quer über zwei Fahrbahnen, um in die Reihe mit dem geringsten Rückstau vor der Ampel zu gelangen.

Vollbremsung hinter zwei Motorradfahrern, beide helmlos, dann Warten auf Grün mit laufendem Motor, langes Warten mit nervöser Gasgeberei ringsum, dann der Massenstart wie bei einem Autorennen, wir liegen gut, vor uns ein Taxi, aber rechts ist frei, wir gehen rüber, blinkerlos, Fuß aufs Gas, fast schon auf Höhe der hinteren Stoßstange, als auch das Taxi rüberzieht, ebenfalls ohne zu blinken, Bremsen quietschen, unsere Hupe jault auf, wir fallen kopfüber nach vorne und wieder zurück in die Sitze, teilnahmslos aus Gewöhnung. Warum auch nervös werden, schließlich ist ja nichts passiert. Alles geht weiter wie zuvor. Business as usual.

Das Gesicht unseres Fahrers, braun gebrannt, mit Lachfalten um die Augen, bleibt gelassenkonzentriert bei der täglichen Routinearbeit. Kein Grund zur Aufregung. Der Mann weiß, was er tut, und er versteht sein Handwerk: Er ist Busfahrer in Bangkok.

Plötzlich vor uns eine Ampel, rot, blutrot, aber wir halten drauf, Tacho bei siebzig Stundenkilometern, drauf und hinüber, bevor der Verkehr hinter uns wieder gnadenlos zusammenschlägt. Ich lerne: Grün ist, so lange die anderen noch nicht in der Kreuzung sind.

Die zahllosen Bushaltestellen am Straßenrand durchfahren wir im zweiten Gang, wer raus will, springt ab – wer rein will, springt auf. Einen Stillstand der Räder darf es offenbar nicht geben.