Sie sind zu klein, zu leicht und haben einen ungewöhnlich kleinen Kopf: Kinder, die im Mutterleib durch Alkohol geschädigt wurden. Pro Jahr kommen in Deutschland mehr als 2000 Babys zur Welt, die unter einer Alkoholembryopathie (AE) leiden. Genaue Fallzahlen fehlen, und nicht immer stellt der Kinderarzt die richtige Diagnose. Doch AE ist hierzulande – so Professor Frank Majewski von der Universität Düsseldorf, der seit mehr als zehn Jahren AE-Kinder behandelt – etwa genauso häufig wie das Down-Syndrom (früher Mongolismus genannt). Während Ärzte mit großem Aufwand – Fruchtwasseruntersuchungen, Chorionzottenbiopsie – nach dem überzähligen Chromosom 21 fahnden, das zum Down-Syndrom führt, gibt es bei uns so gut wie keine Bemühungen, AE zu verhindern.

Dabei gäbe es – medizinisch betrachtet – die besten Chancen dazu. Nur während der Schwangerschaft konsumierter Alkohol schädigt das Kind. Eine abstinente Alkoholikerin gefährdet den Embryo nicht. Doch zukünftige Mütter von der Flasche wegzubringen, wird nicht systematisch versucht. Viele AE-Kinder, die von ihren Eltern nicht betreut, geschweige denn gefördert werden können, kommen zu Pflegeeltern oder in ein Heim, was ihre Situation zusätzlich belastet.

Wie entwickeln sie sich dann, wenn sie heranwachsen? Ann Pytkowicz Streissguth von der Universität in Washington und mehrere Kollegen, die sich in den USA seit Jahren mit AE beschäftigen, sind dieser Frage nachgegangen (JAMA Vol. 265, No. 15, S. 1961). Sie untersuchten 61 Jugendliche und Erwachsene (überwiegend Indianer), bei denen im Kindesalter eine AE diagnostiziert worden war. Dies ist die erste umfangreiche Studie, bisher waren immer nur Einzelschicksale verfolgt worden.

Das Ergebnis erschreckt. Auch wenn sich die AE-typischen Gesichtszüge – zum Beispiel verkürzter Nasenrücken, sichelförmige Hautfalte am Auge und schmales Lippenrot – im Laufe der Jahre verwachsen, so bleibt doch die geistige Behinderung. Die Intelligenzquotienten (IQs) der Patienten lagen zwischen 20 und 105, mit einem Mittelwert von 68. Keiner der achtzehn Erwachsenen konnte ein selbständiges Leben führen, nur einer ging einer normalen Arbeit nach, und lediglich drei Jugendliche besuchten zur Zeit der Studie eine reguläre Schulklasse ohne zusätzliche Förderung. Besonders das Rechnen fiel den meisten außerordentlich schwer. Zu allen anderen Problemen kamen noch Verhaltensstörungen.

Das Untergewicht, das für AE-Kinder typisch ist und Pflegeeltern oft große Sorgen bereitet, normalisiert sich, wenn die Mädchen und Jungen älter werden. Die von Streissguth und ihren Mitarbeitern untersuchten Männer und Frauen unterschieden sich in diesem Punkt kaum von der Normalbevölkerung. Das Spektrum reichte von „sehr schlank“ bis „sehr dick“. Auch die Pubertät setzte etwa zur gleichen Zeit ein wie bei anderen Jugendlichen. Doch die Heranwachsenden blieben nach wie vor klein, lediglich sechzehn Prozent der Untersuchten bescheinigten die Wissenschaftler Normalgröße. Mit 1,24 und 1,30 Meter waren eine 29jährige Frau und ein 14jähriges Mädchen extrem klein gewachsen. Auch dann blieb der Kopf bei den meisten noch unterdimensioniert.

Frank Majewski hat in Deutschland mittlerweile mehrere alkoholgeschädigte Kinder ebenfalls bis ins Jugendalter begleitet. Seine Beobachtungen decken sich mit jenen seiner amerikanischen Kollegen. Auch hier bleiben Verhaltensstörungen und Lernbehinderungen, bei der am stärksten geschädigten Gruppe bestimmte er einen mittleren IQ von 66. Die Mädchen wurden kaum größer als 1,40 Meter, die Jungen erreichten etwa 1,50 bis 1,60 Meter. An den Gesichtszügen war eine Schädigung nicht mehr zu erkennen, der Kopf blieb jedoch klein. Majewski rät jeder Frau, in der Schwangerschaft auf Bier, Wein und Schnaps zu verzichten. Zwar komme eine schwere Schädigung nur bei Alkoholkranken vor, doch leichte Intelligenzdefekte seien auch beim social drinking möglich, und das könne man den Kindern ersparen.

Julie Möller-Buchner