setzt auf den Freihandel

Von Christian Tenbrock

Der Satz stand in einem Brief, der Anfang März auf dem Schreibtisch von George Bush landete: "Wir brauchen Ihre Hilfe, Herr Präsident." Verfasser des Schreibens war einer der mächtigsten Manager Amerikas, Chrysler-Chef Lee Iacocca. Sein einziges Thema: Japans Invasion auf dem amerikanischen Automobilmarkt. Iacoccas Forderung: Protektion gegen wachsende japanische Kraftfahrzeugexporte. Seine Drohung: das endgültige Aus für die Nummer drei unter Amerikas Autobauern und damit der Verlust von Tausenden von Arbeitsplätzen.

Chrysler, aber auch Ford und General Motors stehen mit dem Rücken zur Wand. Von der Rezession und scharfer Konkurrenz aus Übersee böse zugerichtet, haben die großen drei aus Detroit seit dem Herbst 1990 Verluste von 4,5 Milliarden Dollar gemacht. Im ersten Quartal dieses Jahres waren sie so hoch wie niemals zuvor. Zwar erlitten auch die japanischen Unternehmen Absatzeinbußen, aber sie waren weniger stark als bei Chrysler, GM und Ford. Damit stieg der Anteil der Japaner am amerikanischen Automobilmarkt weiter an. Derzeit liegt er bei über 31 Prozent. Die 40-Prozent-Marke scheint in Reichweite.

Dies wäre für sein Unternehmen der Todesstoß, schrieb Iacocca an Bush: "Bei einem Marktanteil Japans von vierzig Prozent ist Chrysler verschwunden, und Ford könnte tödlich verwundet sein. Selbst GM wäre in Gefahr, wenn wir nicht entscheiden, daß die Automobilbranche ein strategisch wichtiger Sektor ist, der Japans Taktik, auf Schlüsselindustrien zu zielen, nicht zum Opfer fallen darf." Wenn weitere Arbeitsplätze verlorengingen, fährt Iacocca in seinem Brief an das Weiße Haus fort, werde dies zu schweren politischen Zerwürfnissen mit Tokio führen. 60 000 Automobilarbeiter sind von den großen drei in den letzten Monaten bereits entlassen worden.

Wie der Autoindustrie – einst ein Symbol der industriellen Omnipotenz Amerikas – geht es auch anderen Branchen. Die Unfähigkeit, es mit der Konkurrenz aus Übersee aufzunehmen, hat das verarbeitende Gewerbe in den achtziger Jahren 1,7 Millionen Jobs gekostet. Marktanteile gingen überall verloren – im Flugzeug- oder Computerbau ebenso wie beim Verkauf von Farbfernsehern, Möbeln, Industriemaschinen und Telephonen. Der offene amerikanische Markt machte es den Verbrauchern leicht, auf ausländische Waren auszuweichen. Während 1950 nur jedes zwanzigste amerikanische Produkt Konkurrenz aus dem Ausland fürchten mußte, sind es heute 75 Prozent. Vor allem Japan, das lange Zeit mehr als ein Drittel seines Handels mit Amerika abwickelte, hat von den offenen Grenzen in den Vereinigten Staaten profitiert.

Handel, so die Theorie, bringt in Form von billigeren und besseren Produkten Wohlstand für alle beteiligten Nationen. Viele Amerikaner sehen das anders. Die Statistik liefert ihnen dafür Munition: Nicht nur im Inland, auch in Übersee hat Amerika verloren. Seit den achtziger Jahren muß der einst auch im internationalen Warenaustausch unangefochtene Hegemon in seiner Handelsbilanz hohe Fehlbeträge registrieren. 1990 lag das Minus bei knapp 95 Milliarden Dollar.