So grau der Mai auch scheint – ohne Spargel, Schoppenwein und Schinken –, er ist für uns diesmal doch zum Wonnemonat geworden. Zum ersten Mal seit Korrespondentengedenken bekommen wir jetzt westliche Zeitungen einen Tag nach ihrem Erscheinen! Im großen und ganzen zumindest. Die Samstagsausgaben kommen frühestens am Montag. Aber dennoch: Der Lenz ist da.

Bisher lebten wir im ewigen Spätherbst: Die Blätter fielen wie von weit her – mit sechs Tagen bis acht Wochen Verspätung – in unser Büro. Lange, stille Tage kam gar nichts, und ab und an eine volle, vergilbte Ladung. Die Schlagzeilen von der Öffnung der Mauer 1989 im November beglückten uns Mitte Januar 1990, die vom Sturz Ceauşescus zu Weihnachten kamen kurz vor Ostern.

Proteste bei der Post? Vergeblicheres hat Sisyphus nicht versucht. Resignierend bestellten wir immer mehr Zeitungen ab. Doch als die Tage kürzer und die westlichen Lektüren immer knapper wurden, kam der erste Frühlingsbote. Er hieß Tolja, klingelte an einem regnerischen Septembernachmittag an der Bürotür im fünften Stock und reichte uns strahlend ein rosafarbenes Präsent im Streifband über die Schwelle: Die Financial Times vom, Irrtum, Moment mal, nein, ja doch: vom Vortag! Es dauerte seine Zeit, bis wir begriffen, daß Tolja nicht für eine einmalige Werbeaktion engagiert war, daß vielmehr jenes journalistisch wahrhaft weltläufige Blatt für seine wenigen Abonnenten in Moskau einen Sonderzustelldienst organisiert hatte.

Das war im vergangenen Herbst. Tolja kommt noch immer. Irgendwann zwischen dreizehn und fünfzehn Uhr dockt er uns an den westlichen Nachrichtensatelliten des Vortags an. So simpel und zuverlässig wie die sowjetischen Raumtransporter kurvt er täglich mit seinem eigenen Moskwitsch für das Kurierunternehmen Ruslan – eine Kooperative, deren Gründer es verstanden hat, ohne Kapital eine Marktlücke zu schließen – durch die Moskauer Umlaufbahn zu seinen 45 Financial Times-Kunden. Zwei Kollegen beliefern die übrigen neunzig Abonnenten.

Seit dem 1. Mai kommt Tolja nicht mehr allein. Das neue Joint-venture Troyka Press bringt uns das Wall Street Journal und die Süddeutsche Zeitung, die wir trotz aller Verspätungen nicht abbestellt hatten, nun pünktlich, ja man kann fast sagen druckfrisch, eben erst aus der Rotation, nur einen einzigen Tag alt! Wie sollten wir diesen guten Geistern nicht ein langes, erholsames Wochenende wünschen und uns glücklich preisen – auch wenn wir die Freitags-, Sonnabend-, Sonntagsausgaben erst nieder am Montagnachmittag erhalten.

Wie gut sich das alles fügt: In Moskau erscheinen am Montag nur zwei sowjetische Zeitungen. Die Prawda, die aus dem Orbit der Perestrojka längst wieder in den Orkus der Parteipropaganda abgesunken ist. Und die Wirtschafts-Wochenzeitung Kommersant, der helle Stern am wieder wechselnd bewölkten Glasnost-Himmel. Sicher ist sicher: Um den Einstieg in die Woche nicht doch vielleicht zu verpassen, empfiehlt es sich, die sechzehn Seiten starke Zeitung schon um acht Uhr an einem Kiosk zu erwerben – kleine Aufmerksamkeiten für die Verkäuferin vorausgesetzt. So haben wir das flotte Blatt schon inspiziert, bevor das abonnierte Exemplar irgendwann gegen Mittag in unseren speziellen Briefkasten Größe XXL versenkt wird.

Die Postboten klingeln nicht. Ihre Unzuverlässigkeit hält uns auf Trab: rein in die Schuhe, runter durchs verschmutzte Treppenhaus, rütteln an der ewig verklemmten Panzertür des blechernen Ungetüms XXL, endlich geknackt, aber noch gähnende Leere, also wieder rauf, raus aus den Schuhen, Kräfte sammeln für den nächsten Anlauf. Wenn alle Sprünge bis zum Nachmittag nicht helfen, sehen wir vor der Haustür nach. Dort liegt dann manchmal das riesige Paket mit allen Zeitungen für die neun Stockwerke, vorm Verregnen nur bewahrt, wenn der Wind günstig steht.