Von Petei Glotz

Verflucht, warum habe ich es diesem zynischen Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten aus der Berliner Belle-Alliance-Straße, Dr. Benn, nicht geglaubt, als er die Geschichte ein „mahlendes Affengebiß“ genannt hat? Er hatte ja recht: Aus der Geschichte läßt sich nichts lernen, nichts. Als ich in den fünfziger und sechziger Jahren den Debatten von Peter Demetz, Ludwig Marcuse oder Robert Minder im ZEIT-Feuilleton folgte, hätte ich nicht geglaubt, daß in diesem Blatt der Begriff „Geist“ wieder einmal ganz naiv gebraucht werden könnte. „Nichts hat weniger mit Geist zu tun“, schreibt Klaus Hartung heutzutage anscheinend ohne jede innere Hemmung, „als eine bestimmte Art des Positionsbeziehens.“ Die Deutschen in Ost und West seien von „den Politikern“ (also allen) „gänzlich im Stich gelassen“. Rechts, links? Ein „überholtes Schema“, eine „westeuropäische Sitzordnung“. Hartwigs Schlüsselsatz lautet: „Überzeugungen sind unfruchtbarer denn je.“ Da hat einer seine Not zu einer Tugend gemacht.

Woher kommt dieser erstaunliche Zug von der Politik zurück zum „Geist“? Diese erleichterte Abwendung von der Ökonomie und dieser entschlossene Kopfsprung in das Ideale und die Moral? Hartungs Antwort: „Die Jahre 1989 und 1990 haben ein Trümmerfeld von Überzeugungen, Weltbildern, Feindbildern und Paradigmen der Verantwortung hinterlassen ... Daß mit dem Zerfall des sowjetischen Imperiums und den Bürgerrechtsbewegungen eine Intelligenz den Schauplatz der Geschichte betrat, die alle Begriffe, die Begriffe Nation, Religion, Demokratie, Markt, die in Westeuropa festgelegt, tabuisiert oder ins Rechtslinks-Schema gebracht worden sind, nicht nur neu dachte, sondern politisch in Bewegung setzte, wurde nur von einer Minderheit hierzulande begriffen.“ Jetzt fragt sich die Mehrheit, die mal wieder nichts begriffen hat, wie sie der verzaubernden Sensibilität der Minderheit teilhaftig werden könnte.

Die mitteleuropäische Revolution von 1989 als Umwertung aller Werte, Kehre, Zeitenwende und Alleszerstörerin, die eine Tabula rasa hinterlassen hat? Wer Klaus Hartungs Plädoyer gegen „Altes Denken“ liest, kommt zu folgenden Ergebnissen: Wenn ein Tscheche oder ein Pole Frühkapitalismus predigen, soll man das nicht kritisieren. Wenn dieser keifige Herr Steinkühler in Ostdeutschland höhere Löhne fordert – dann stehen dahinter die Weltbilder von gestern. Wenn irgendein Intellektueller (sagen wir Eric Hobsbawm) erneut darauf herumreitet, welches Unglück die Idee des Nationalstaats im 19. und 20. Jahrhundert in Europa gezeugt hat, sollte man ihn ebenso souverän ignorieren. Alles ist so neu, so intensiv, so überwältigend: Es ist Wendezeit – und nun im Frühtau zu Berge.

Härtung fordert „das Denken in Augenhöhe“. Die Zukunft liege „vor unseren Augen, nicht jenseits des Horizonts“. Das ist ein wenig kryptisch. Es könnte bedeuten: Du sollst dir kein Bild machen, du sollst dir nichts zusammenreimen. Schelsky sagte vor dreißig Jahren klarer: das Ende der Ideologien. Nix Totalität! Ach, diese Deutschen sind schrecklich. Sie fallen immer von einem Hegel auf einen Hartung und springen dann wieder auf einen Hegel zurück. Das nennen sie dann Dialektik.

Das Ende der nuklearen Parität, die Veränderung eines bipolaren in ein multipolares System, die politische Befreiung von vielen Millionen Menschen und ihre gleichzeitige Aufspaltung in neue Arme und neue Reiche – all das verlangt sicher einen radikalen Politikwechsel; die Behauptung aber, daß nun die Geschichte zu Ende ist oder von vorn anfängt und die großen historischen Lager von rechts und links verschwunden seien, ist pathetischer Unsinn. So einfach läßt sich „links“ und „rechts“ eben doch nicht verwechseln: Wenn die Linke auf den Prinzipien einer rationalistisch-deduktiven Denkweise beharrt, beruft sich die Rechte auf das Leben; wenn die Linke von Menschenrechten redet, beschwört die Rechte die Institutionen; wenn die Linke auf universalistische Normen setzt und auf Verfassungen vertraut, spricht die Rechte von der Nation; wenn die Linke von der Kosmopolis träumt, vertraut die Rechte auf die Polis. Da mag es allerhand Bewegung geben und viele Frontwechsel. Auch gibt es immer mal wieder linke Leute von rechts und rechte Leute von links. Doch selbst der Kollaps des Marxismus-Leninismus spult die europäische Geistes- und Machtgeschichte nicht zurück.

Thomas Mann hat am Ende des Ersten Weltkrieges „Betrachtungen eines Unpolitischen“ geschrieben – und dieses Buch dann in zwei schwierigen Jahrzehnten überwunden, abgebüßt. Heute kann man sehen: Die Buße war umsonst. Inzwischen schwebt „der Geist“ wieder über den Wassern. „Ist die linke Intelligenz dazu da, das rechte Denken zu bekämpfen?“ fragt Klaus Härtung. Aber nein, ist seine Antwort; sie habe im Augenblick doch genug andere Fragen.