Von Reinhard Baumgart

I. Jedes Jahr wieder die jedes Jahr leergedachte Frage: Läßt sich, soll man die Auslese des Berliner Theatertreffens abtesten als Auskunft über den Zustand unseres Theaters? Können zwölf Leistungsbeispiele hochgerechnet werden als repräsentativ für Aberhunderte von Inszenierungen? Das wird nicht einmal die Jury behaupten wollen. Mit welchen Rücksichten beziehungsweise Rücksichtslosigkeiten sie ihre Auswahl wieder getroffen hat, läßt sich diesmal besonders drastisch erkennen am Berlin-Bonus: Genau die Hälfte der eingeladenen Kunststücke mußte erst gar nicht in die traurige Hauptstadt anreisen, sie war schon da – eine kulturpolitisch vielleicht sinnvolle und trotzige Entscheidung, trotzdem kaum zu rechtfertigen.

Im übrigen regierte wieder der längst übliche, sich per Instinkt durchsetzende Genius der Ausgewogenheit. Zwei neue Namen (Felix Prader und Leander Haußmann) waren zugelassen im Feld der Regisseure, unter Altmeistern und längst etablierten Altgesellen. Auffallend noch, daß die kanonischen Repertoirenummern unter den inszenierten Stücken weiterhin abnehmen (drei diesmal), daß man lieber Ungeliebtes oder Verschollenes ausgräbt (Shakespeares „Timon aus Athen“, Ibsens „John Gabriel Borkmann“) und daß neue Stücke diesmal gegen den Trend der letzten Jahre eher unterrepräsentiert waren (zwei deutsche und ein kaum mehr als netter Import aus Spanien). Denn die Musical-Adaption des Freischütz-Stoffes, wie sie Wilson, Tom Waits und der alte Burroughs als „Black Rider“ abgeliefert haben, wird man kaum ein neues Stück nennen dürfen: Sie ist selbst schon – Inszenierung. Vom „Freischütz“ zu Tschechow, von Wilson zu Zadek, so war die Reise des Theatertreffens geplant, vom Glanz am Anfang zum Gloria am Ende, mit dem Dorn/Straußschen „Schlußchor“ der Münchner Kammerspiele als wohlkalkuliertem Höhepunkt mittendrin. Ganz aufgegangen ist die kluge Rechnung nicht.

II.

Zunächst waren, drei, vier Abende lang, hinter Masken und Grimassen kaum Menschen zu erkennen. Weißgetünchte Visagen, knallrote Münder, gebleckte Zähne, jäh herumgerissene Köpfe, krakig hochgerissene Arme, rollende Augen, tief umschattet. Erobert die Pantomime das Theater? So viel quicklebendige Maskenmenschen und Automatenkörper, so viel weggeschminkte oder grellgemachte Menschlichkeit hatte ich in so dichter Folge seit den Off-Off-Zeiten nicht mehr gesehen.

Ob in den „Räubern“ von Alexander Lang oder in Wilsons „Black Rider“, aber auch in der Zweipersonenfarce „Mütter und Söhne“ an der Schaubühne – es wird sehr unbefangen, mit Anmacher-Gestus, frontal zur Rampe gespielt, und das Publikum läßt sich gern so umstandslos agitieren. Begeisterungspfiffe, Indianergeheul, rhythmisches Klatschen bedanken den Wilsonschen „Black Rider“. Music-Hall-Stimmung im Staatstheater: Auch Langs „Räuber“-Spektakel erreicht immer wieder diese E-plus-U-Symbiose. Denn in beiden Inszenierungen, sieht man sie knapp hintereinander im selben Theater, entdeckt man verblüfft verwandte Zeichen. Zweimal wirft sich Mick Jagger an die Rampe, mal als Karl Moor (Jürgen Elbers), mal als Spielmacher und „Freischütz“-Teufel (Dominique Horwitz). Hier wie dort scheint auch Wilhelm Busch wieder aufzuerstehen, der gemütvoll grausame Deutsche, und ebenso die unfreiwillig feierliche Komik von „Nosferatu“ und „Dr. Caligari“, das zackig Expressive des frühen deutschen Stummfilms.

Das alles wird intelligent und böse gemischt, witzig und nett, nicht unkritisch – es tut niemandem weh, noch macht es jemanden heiter. Wohin also zielt der gefällige Horror? Die Frage klingt unerlaubt, humorlos. Von irgendwelchem Erkenntnisinteresse möchte diese Art Theatervergnügen offensichtlich entlastet sein. Es ist an seinem eigenen Geschmack und an dem seiner Zuschauer interessiert. Letzteren hat es genau erraten, getroffen, bedient.