Friedrich Achleitner

Von Christian Ankowitsch

Das Wohnhaus, mit dessen Besichtigung unser Spaziergang beginnen sollte, war einfach nicht zu finden. Schon zweimal war der kleine, ältere Herr die Gasse auf und ab gegangen, immer wieder hatte er das Photo in seiner Hand angesehen. Dann aber blieb er plötzlich stehen und rief lachend: "Das hat man ja weggerissen."

Daraufhin machte der Architekturhistoriker und -kritiker Friedrich Achleitner mit Bleistift ein paar Krakel auf die Karteikarte des Hauses, das einem nichtssagenden Einkaufszentrum gewichen war, und steckt sie in eine seiner riesigen Jackentaschen. "Ist mir eh ganz recht", meinte er erleichtert und schob seine Brille hinauf, die ihm dauernd die Nase hinunterrutschte. "Dann muß ich wenigstens nicht entscheiden, ob ich es nehme."

Um dieses Nehmen sollte es bei der "Begehung", wie Achleitner seine Wochenendexkursionen gerne nennt, noch unzählige Male gehen. Um die Frage nämlich, ob es das Gebäude im 15. Wiener Gemeindebezirk, dessen Fassade wir hinaufsahen, wert war, in seinen Führer "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert" aufgenommen zu werden. Oder nicht. Und um die Frage, ob der Bau, in dessen Hausflur wir dann hineinlugten, dazu geeignet war, der Sammlung "qualitativer und charakteristischer Bausubstanz Österreichs" ein Fitzelchen Klarheit hinzuzufügen. Oder nicht.

"International beispielloses Pionierwerk", "weitbester Führer" und "Achleitner, die Instanz": So beginnt bei jedem neuen Band von Achleitners Werk der Jubel von vorne – und zwar weit über Österreichs Grenzen hinaus. 1980, als Band I (Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg) erschien, ebenso wie 1983 mit Band II (Kärnten, Steiermark, Burgenland) und erst recht 1990 mit dem ersten Teil-Band über Wien. Bei den noch folgenden zwei Bänden wird die Begeisterung längst Gewohnheit geworden sein.

Der mittlerweile 61jährige gebürtige Oberösterreicher begann mit seinen Spaziergängen übers Land und durch die Städte vor genau 26 Jahren. Und hat seit damals – neben seinen Brotberufen als Journalist und Hochschullehrer – jedes freie Wochenende, alle Arten von Urlaub und alle verfügbaren Energien in diese Arbeit investiert. Hat jedes der 25 000 Bauwerke aus seiner Kartei mehrfach besichtigt, photographiert und beschrieben; hat seine Texte eigenhändig abgetippt, das Layout entworfen, den Text samt Photos auf den Seitenspiegel geklebt, die fertigen Bände per Bahn zum Salzburger Residenz Verlag transportiert; hat schließlich alle jemals vereinbarten Verlagstermine nach allen Regeln der Hinhaltekunst um Jahre übertroffen – Band I erschien statt 1968 erst 1980.