Von Klaus Hartung

Daß nicht nur die DDR, sondern auch die alte Bundesrepublik mit der Vereinigung untergegangen sei, ist weitgehend als logische Konsequenz anerkannt. Aber es klingt immer noch eher wie eine Pointe als wie die Benennung einer Realität. Wann setzt in Westdeutschland nun wirklich die Ahnung ein, daß das Nachkriegsgehäuse und mit ihm die Fiktion immerwährender Stabilität zerbrochen ist?

Mit dem Rücken zur Mauer, deren sedierende Wirkung nicht unterschätzt werden sollte, hatte ja der Westdeutsche eine erfreuliche Art von Weltbürgerlichkeit entwickelt. Die Fiktion, daß die Kontinuität der Bundesrepublik von der Vereinigung nicht berührt werde, versuchte die Bonner Politik dann noch eine Zeitlang aufrechtzuerhalten. Es kamen die Steuererhöhungen, und der Golfkrieg begann. Die deutschen Außenpolitiker, deren Geschmeidigkeit zu Recht gerühmt wurde, wirktenplötzlich wie Provinzler, die auf dem Bahnhofsvorplatz der Gefahren der Großstadt ansichtig werden und sich im ersten Reflex in die Unauffälligkeit flüchten. Erste Schocks also, die zeigten, daß die gewohnten Dimensionen zerbrochen sind.

Nun ist es der Hauptstadtstreit, der wirklich den Untergang der alten Bundesrepublik auf die Tagesordnung setzt. Jetzt fällt gewissermaßen aus der postmodernen Fußgängerzone der Bonner Republik der Blick auf die ferne Metropole im Osten – mitten in dem unübersichtlichen Glacis einer neuen politischen Landschaft gelegen, in der die riesigen Schatten von Bürgerkrieg und Nationalismus, von Armut und Völkerwanderung drohen. Wie mit einem Zoom herangeholt, wird plötzlich die brisante Mittellage Deutschlands sichtbar. Kein Wunder: Die Bonn-Werbung wird von Angst unterspült. Und auf Berlin werden Gefahren projiziert, die mit der Realität der Stadt wenig zu tun haben.

Der Hauptstadtstreit ist unversehens zum Streit um die Schlußbilanz der bundesrepublikanischen Demokratie geworden. Wie dann noch rational über die Hauptstadt entschieden werden und wie gar unter Termindruck ein abschließendes Urteil über die Geschichte der Bundesrepublik möglich sein soll, steht dahin.

Die Argumentenkette für Bonn klingt ein wenig wie ein Nachruf. Ein vergoldendes Abendlicht fällt auf die Bundesrepublik: Da die Bundesrepublik eine erfolgreiche Demokratie war, muß man sich zu Bonn bekennen. Der Mangel an Ausstrahlung ist die Tugend dieser Stadt. Hier repräsentiert nicht der Staat; er erscheint gar als „zurückgenommen“. Kleinheit, Provinzielles, Nüchternheit, „Werkstatt Bonn“, selbst ein wenig Biederkeit – das alles garantierte, daß die Bundesrepublik von Größenwahn, Zentralismus und Nationalismus verschont blieb. Mithin ist Bonn prädestiniert, Hauptstadt einer föderalistischen Demokratie zu sein. Vor allem der Föderalismus und die Westbindung, die der Genius loci Bonns in sich trägt, seien die Axiome unserer demokratischen Kultur.

Ein doppeltes Paradox: Zum ersten Mal, mit einjähriger Verspätung allerdings, entsteht eine explizite Staatsdoktrin der Bundesrepublik. Und es sind nicht die engagierten Bonn-Lobbyisten, nicht die Matthäus-Maier, Blüm, Baum, sondern gerade die kritischen Geister, linke Intellektuelle, die die Bonn-Verteidigung zur Ideologie erheben.