Ob Rajiv Gandhi beim zweiten Anlauf ein besserer Regierungschef geworden wäre, ist nun eine müßige Frage. Der Mord vom Dienstag dieser Woche macht vielmehr deutlich, wie gering die Chancen Indiens geworden sind, der Zerreißprobe zu entgehen.

In diesem Land, in dem Gewalt zum bevorzugten Mittel der Politik geworden ist und der rapide wirtschaftliche Verfall die Existenz eines jeden einzelnen bedroht, hatte Gandhis verführerischer Slogan von Stabilität und Harmonie den Menschen für einen kurzen Augenblick jene Sicherheit suggeriert, die sie alle vermissen. Bei den Meinungsumfragen lag er denn auch als Wunschkandidat für das Amt des Premierministers ganz vorn. Tatsächlich waren aber seine Aussichten auf die Rückkehr an die Spitze ungewiß geblieben. Denn bei den indischen Wahlen, die sich über die ganze Woche hinziehen, ist es fraglich, ob irgendeine Partei eine klare Mehrheit gewinnt.

Rajiv Gandhi, der nach der Ermordung seiner Mutter Indira Gandhi als Hoffnungsträger eines neuen Indiens an die Macht gekommen war, scheiterte schon früh am politischen System und an seinen eigenen Unzulänglichkeiten. Daß er gute Figur im Ausland machte, konnte sein Versagen zu Hause kaum überdecken. Auch seine destruktive Politik in den beiden vergangenen Jahren, die allein darauf angelegt schien, seine beiden Nachfolger zu Fall zu bringen, zeichnete ihn kaum als souveränen Staatsmann aus.

Dennoch hinterläßt sein Tod ein Vakuum, aus dem sich eine Tragödie entwickeln kann. Denn so abgewirtschaftet sie auch sein mag: Die Congress-Partei Rajiv Gandhis, seiner Mutter Indira und seines Großvaters Jawaharlal Nehru ist die einzige wirklich nationale Partei Indiens mit einer demokratischen Tradition. Diejenigen, die sich nun anschicken, das Erbe anzutreten, haben bisher nichts anderes anzubieten als Konfrontation und Kollision. Der Weg Indiens in das Chaos scheint damit vorgezeichnet. vz