Björn Engholm tritt an die Spitze der Partei August Bebels

Von Nina Grunenberg

Seine Nominierung entsprang einer großen Verlegenheit. Nicht Björn Engholm war der Wunschkandidat; die tonangebenden Enkel betrachteten Oskar Lafontaine als ihren Mann. Sie hielten selbst dann noch an ihm fest, als er schon verloren hatte. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten sie Lafontaine am Abend der ersten gesamtdeutschen Wahl im vergangenen Dezember aus der Niederlage heraus auf den Stuhl des Parteivorsitzenden emporgehoben – nicht nur, weil er ein Trostpflaster brauchte. "Generationswechsel" war das Stichwort, "Verjüngung" das große Versprechen. Den Enkeln kam es darauf an zu handeln, bevor die zurückgebliebene Wirklichkeit im Osten der Republik sie einholte. Ihren Vorsatz, die alte Tante SPD auf die Höhe der modernen Zeit zu hieven, wollten sie sich von der deutschen Einheit nicht zerstören lassen. Doch der Saarländer spielte nicht mit. Er strich die Segel und verschwand gen Süden.

Gefragt hatte ihn zwar niemand, aber auch Hans-Jochen Vogel, der amtierende Parteivorsitzende, verspürte nach diesen Ereignissen keine große Lust mehr, den Enkeln die Arbeit abzunehmen. Am Morgen nach Lafontaines Absage kündigte er seinen Rücktritt vom Parteivorsitz an und machte mit seiner Entscheidung aller Welt deutlich, daß die Lage ernster war als das Bewußtsein.

Am wenigsten verstanden das diejenigen SPD-Anhänger, die Deutschlands Vereinigung trotz allem als epochales Ereignis empfanden. Sie werden an der SPD nicht viel vermissen, solange Willy Brandt bei guter Gesundheit bleibt. Ihr großer Kommunikator mag zwar ein Großvater sein, aber während des Vereinigungsprozesses war er für sie wieder der einzige, der die Zeichen der Zeit richtig gedeutet hatte.

Sehnsucht nach Konsens

Als pflichtbewußter Kärrner, der sich schon seit langem in die Nachfolge von Herbert Wehner hineindenkt, vergaß Hans-Jochen Vogel bei allem Zorn nicht, jene Hoffnungsträger auszuloben, die er als präsentabel für das Amt des Parteivorsitzenden ansah: "Oskar Lafontaine, Johannes Rau, Herta Däubler-Gmelin, die in ihrem Wahlkreis ein hervorragendes persönliches Wahlergebnis erzielt hat", "ebenso Wolfgang Thierse, der sich in ganz kurzer Zeit starke Beachtung und Resonanz verschafft hat". Hoffnungsträger seien "selbstverständlich auch" Björn Engholm und "dann" die anderen Ministerpräsidenten der SPD: Gerhard Schröder aus Niedersachsen, Henning Voscherau aus Hamburg, Klaus Wedemeier aus Bremen, Manfred Stolpe aus Brandenburg. "Weiter" Hans Eichel aus Hessen, Rudolf Scharping aus Rheinland-Pfalz (zu jener Zeit waren die beiden noch keine Ministerpräsidenten). Auch Renate Schmidt erwähnte Vogel, seit kurzem die Vorsitzende der bayerischen SPD.