Nie war in den östlichen Ländern das Reisen so leicht wie heute. Nie aber auch so ungewiß. In Inseraten verlangte der fiktive Reiseveranstalter für eine fünftägige Fahrt nach Rom 336 Mark. Wer das Geld überwies, bekam umgehend eine „Buchungsbestätigung“, manchmal noch mit individuellem Hinweis, man möge doch die fehlenden sechzig Mark für das Einzelzimmer noch überweisen. Den Reiselustigen ging es dann wie einer 25köpfigen Gruppe am 28. März am Busbahnhof in Halle. Sie warteten vergeblich. Unter der auf den Einzahlungsbestätigungen aufgeführten Telephonnummer meldete sich nur ein Anrufbeantworter. Mittlerweile ist „Burgtours“-Geschäftsführer Berger mit 70 000 Mark Ost-Überweisungen flüchtig. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben darüber hinaus ergeben, daß „Burgtours“ sogar mit einer Einnahme von einer halben Million rechnete. Doch die lahme Post vermasselte ihnen das noch größere Geschäft. Geschäftsführer Berger ließ nämlich seine Kunden kurzfristig wissen, daß die Fahrt verschoben werde. Nächster Termin: Pfingsten. Bis dahin sollten „Burgtours“-Anzeigen noch etliches Geld bringen. Doch die Kunden erhielten das Absageschreiben verspätet, die Scheinfirma aus Bonn flog auf, nach ihrem bereits einschlägig bekannten Geschäftsführer wird gefahndet.

Pro Woche suchen 200 bis 250 Menschen allein die Verbraucherzentrale in Halle an der Saale auf. Eine Frau will ihre „Partnerschaftsvermittlung“ wieder loswerden, für die sie schon über 4500 Mark bezahlt hat. Ein 65jähriger hat eine Kapital-Lebensversicherung mit 25jähriger Laufzeit abgeschlossen. Eine Frau hat gleich vier Kapital-Lebensversicherungen unterschrieben – und ihr Mann ebenfalls vier. „Vermögensberater“ kommen, erstellen für zwanzig Mark sogenannte wissenschaftliche Computer-Analysen der Vermögensverhältnisse und der Zuwachsmöglichkeiten. Danach werden oft gleich die Abschlüsse getätigt. „Da wird manchmal in einer halben Stunde eine Provision von 3000 Mark verdient“, wissen die Beraterinnen. Gartenbesitzer bestellen sich – als günstiger Nebenverdienst gepriesen – Chinchillas für die eigene Zucht. Doch Chinchillas eignen sich nicht für Hühnerställe. Kassiert wird sofort.

„Drückerkolonnen“ vertreiben Zeitungsabonnements zugunsten von „Waisenhaus-Kindern“ oder des „Europäischen Tierhilfswerks“, nicht wissend, daß dessen Chef Wolfgang Ulrich Teilhaber eines thailändischen Sex-Etablissements ist.

Eine Rentnerin brachte es auf 165 Mark im Monat für Zeitungsabos. Ihre Rente beläuft sich auf 650 Mark. Ein älterer Mann, der kaum lesen kann und schon einen verwirrten Eindruck macht, hat den stern allein dreimal abonniert. Abgebucht wird stets sofort.

In den Lokalzeitungen locken Anzeigen mit der „Ausbildung zum Mannequin oder zum Dressman“. Geeignet für „alle Kleidergrößen zwischen 38 und 46“ bietet die Firma Althoff-Werbeagentur aus Vlotho (Weserbergland) für 690 Mark eine wundersame Kurzschulung „an einem Wochenende in einem großen Hotel“. „Da wundert man sich schon, wer da so alles Mannequin werden will“, staunt Christine Bitz von der Verbraucherzentrale. Bezahlt wird mit der Anmeldung. Wer widerruft, muß bis drei Tage von Lehrgangsbeginn immerhin noch 210 Mark bezahlen. Richtige Arbeit verspricht eine andere Anzeige: „Wir suchen für Westdeutschland 250 Chemiefacharbeiter/innen sowie 70 Wachleute.“ Wer an die Chiffre-Nummer 5963 der Mitteldeutschen Zeitung schreibt, erhält gleich einen Einstellungsbescheid, mit dem dringenden Hinweis, sich bei der Vermittlung einer unbedingt erforderlichen Wohnung der Firma Gerdsen, Hannover, zu bedienen. Nur dann sei die Arbeitsaufnahme möglich. Die Immobilienfirma will gleich 800 Mark Provision.

Gerade in den neuen Ländern ist das Interesse an modernen Heizungen groß. Verkaufsmessen bieten einen Überblick. Unterschrieben ist schnell. Da kauft ein (stark kurzsichtiger) älterer Mann eine komplette Heizung für 11 000 Mark, und niemand hat ihn auf das Kleingedruckte hingewiesen: ohne Montage.

Der Stand von „THT“ (Thermo-Heiztechnik, Duisburg) auf einer Verkaufsausstellung in Halle zeigt bekannte Herrsteller, zum Beispiel Klöckner GmbH. Der Verkäufer, so berichtet ein Kunde, rechnet dem potentiellen Käufer vom Endpreis einige Rabatte herunter, die er allerdings nur kurzfristig gebe, Rücktritt sei möglich. Der Kunde unterschreibt und bekommt noch einiges an Skonto dafür, daß er eine sofortige Anzahlung von 5000 Mark auf die Summe von 15 000 Mark leistet.