Auf Jugoslawien bezogen, ließe sich Willy Brandts Satz umwandeln: Jetzt fällt auseinander, was nicht zusammengehört. Die nationale Einheit der Südslawen war stets eine Fiktion. Denn „Einheit“ verstehen Slowenen, Kroaten und viele in den anderen Teilrepubliken als serbische Vorherrschaft und auch als verbleibendes Joch des Kommunismus.

Der Fehler der amerikanischen und westeuropäischen Außenpolitiker: Indem sie auf staatlicher „Integrität“ beharrten, unterstützten sie die Verweser des Belgrader Systems, die sozialistischen Nachfolger des „Bundes der Kommunisten“. Den zweiten Fehler beging Washington bisher allein. Die vollständige Aufkündigung der Wirtschaftshilfe wird die Krise noch verschärfen. Not stimuliert gewaltsame Konflikte nur. Es bleibt zu hoffen, daß westeuropäische Politiker, die ebenfalls jugoslawischen „Separatisten“ mit Wirtschaftssanktionen drohen, sich in den Institutionen der Europäischen Gemeinschaft nicht durchsetzen werden.

Sie sind eben kein einzig Volk von Brüdern, die sich nicht trennen in keiner Not und Gefahr. Am vergangenen Wochenende sprach sich die überwältigende Mehrheit – 94 Prozent – der kroatischen Wähler für die Unabhängigkeit ihrer Republik von Jugoslawien aus. Gastarbeiter aus der Bundesrepublik waren extra nach Hause gefahren, um an dieser Abstimmung teilnehmen zu können.

Die Südslawen sind viele Völker, die historisch nur äußere Feinde und innere Repression zusammenhielten. Heute droht keine Macht mehr von außen. Der Weg zu einer Konföderation souveräner Einzelstaaten wird trotz des Drängens der Kroaten und Slowenen lang und schwer. Aber er ist leichter zu begehen als jener, auf dem die Armee und ränkeschmiedende Altkommunisten mit Gewalt und Tricks einen Bundesstaat zusammenhalten, der in Wahrheit keiner ist. M. Schw.