Von Carola Becker

Abwicklung von Forschungseinrichtungen – das droht nicht nur im Osten. Zwar werden im ehemaligen SED-Staat viele Professoren und Doktoren arbeitslos, aber auch in der alten Bundesrepublik bangen jetzt Wissenschaftler um ihre Posten: die DDR- und Deutschlandforscher. Mit Recht, wie Kritiker sagen, denn die weitgehend vom einstigen Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen finanzierte Wissenschaftsbranche habe kläglich versagt.

Tatsächlich haben die 300 bis 400 bundesdeutschen Soziologen, Politologen, Ökonomen und Pädagogen, die über die ganze (alte) Bundesrepublik verteilt an 56 Instituten arbeiten, von den revolutionären Ereignissen im Herbst 1989 in der DDR nichts vorhergesehen. Nicht einmal Anzeichen einer zunehmenden Unzufriedenheit und Unruhe haben die Profis erkannt, und kleine Zeichen der Veränderung wurden nicht ernst genommen oder der wissenschaftlichen Analyse nicht für würdig befunden.

Anfang der achtziger Jahre beispielsweise fanden die Berliner Journalisten Peter Wensierski und Wolfgang Büscher sowie, etwas später, der Bremer Publizist Hubertus Knabe heraus, daß in der DDR Friedens- und Umweltgruppen entstanden waren. In ihren Büchern „Beton ist Beton“ und „VEB Nachwuchs“ druckten sie deren Aufrufe, Flugblätter und Texte ab. Doch die Forschung negierte diese ersten Fakten zu den alternativen Gemeinschaften, die 1989 mit dem Neuen Forum zu Vorreitern der politischen Wende wurden.

„Wer ahnte schon, daß diese Gruppen, die doch für den Erhalt der DDR eintraten, sich tatsächlich politisieren würden“, rechtfertigt Peter Dietrich, Leiter des Referates für Forschungsförderung im Bundeshaus Berlin, die Versäumnisse der Wissenschaftler. Und Ilse Spittmann, die Leiterin des Deutschland Archivs in Köln, das von Bonn finanziert wird und in dem die DDR-Foscher publizieren, ergänzt: „Wissenschaftler registrierten diese Informationen, aber man hielt sie für nicht zitierfähig, weil sie vor Ort journalistisch recherchiert worden waren.“

DDR-Forscher vertrauten lieber auf zensierte Zeitungen und Zeitschriften der SED: Aus dem Neuen Deutschland zu zitieren war ebenso üblich wie zwischen den Zeilen der Jugendzeitung Junge Welt zu stöbern.

An der Meinung, die Friedens- und Ökogruppen seien ein „nicht zu faktizierendes Forschungsobjekt“, hielt man auch noch fest, als im Mai 1989 bei der DDR-Forschertagung in Bonn-Röttgen außergewöhnliche Neuigkeiten bekannt wurden. Der DDR-Theologe Ehrhard Neubert und das Mitglied der Ostberliner Initiative für Frieden und Menschenrechte, Wolfgang Templin, berichteten, daß eine „Demokratisierung“ und eine „Umverteilung der Macht“ in Gang gekommen seien. „Verschiedene Gruppen“, so Templin, „planen öffentliche Aktionen, um in der Bevölkerung ein neues Bewußtsein zu schaffen.“ Doch diese Hinweise lösten nur Skepsis aus und die Erkenntnis: „Wir wissen wenig und versuchen mit einem hohen theoretischen Aufwand, uns über diese Unkenntnis hinwegzuheben“ – so beschrieb es ein Teilnehmer damals.