Schon fünf Partien hat der Moskauer Busfahrer Sergej an diesem Sonntag gewonnen, aber seine sechste droht soeben in einem Regenguß zu ertrinken. Sergej rückt seine Baskenmütze tiefer ins Gesicht, schlägt den Mantelkragen hoch und zieht den Turm übers Brett: „Schach!“ Von den Bäumen, unter denen die Partie gespielt wird, fallen immer dickere Tropfen. Sergej jedoch drückt unbeirrt die Blitzschachuhr. Er will die Stellung des Gegners erobern, noch bevor der Regen sie fortschwemmt.

Die beiden Spieler haben sich nicht gerade ein ruhiges Plätzchen für ihr Hobby ausgesucht. Ihre Partie bestreiten sie zwischen Zuckerwatte schleckenden Kindern, neugierigen Touristen, Straßenmusikanten und verliebten Pärchen: Wir befinden uns mitten im sonntäglichen Geschiebe des Moskauer Ismajlowo-Parks.

Moskaus und Europas weitläufigste Parkanlage im Osten der Stadt spiegelt mit ihren kilometerlangen Spazierwegen, ungezählten Flüßchen, Seen, Sportanlagen und Karussells die Liebe der Russen zum Gigantischen wider. Als mir die Verkäuferin Galina mit feierlichem Ernst erklärt, „ihr Ismajlowo“ sei immerhin fünfmal so groß wie der New Yorker Central Park, ist sie bereits die dritte an diesem Tag, die mich darauf hinweist – Stolz auf die Superlative der Hauptstadt gehört in Moskau einfach dazu.

Galina hat sich an diesem Sonntag wie so oft mit ihrem Mann Alexander und ihrer kleinen Tochter Mascha aufgemacht, um der engen Wohnung der Schwiegereltern am lauten Kutusowskij-Prospekt im Westen Moskaus zu entfliehen. „Wo sollen wir schon hin? Eine Datscha haben wir nicht“, zuckt sie die Schultern. „Im Park finden wir da noch die meiste Abwechslung.“

Die idyllische Vorstellung vom Leben in Harmonie mit der Natur und der Verschmelzung mit der großen Weite des Landes ist auch heute noch in den Herzen vieler Russen lebendig. Wer sich diesen Traum nicht mit Hilfe einer Datscha im Grünen erfüllen kann, für den wird ein Spaziergang im Park zum Ersatzritual: Rückzug in die Natur als Massenspektakel.

Das russische Wort für „ausruhen und entspannen“ – otdychat’ – wird zum Universalbegriff für Freizeitqualität. Um dorthin zu kommen, wo man sich gut erholen kann, lohnt es sich, auch weite Wege in Kauf zu nehmen. Galinas Familie ist einmal quer durch Moskau gefahren, um im Ismajlowo spazierenzugehen.

Mascha tritt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Auf sie warten jede Menge aufregende Erlebnisse im „Kinderstädtchen“, der Kirmes im Park: Bald ist ihr blau-weiß gepunktetes Kopftuch hoch in der Luft zu sehen, wo ein ratterndes Kabinenkarussell den Kindern Jubelschreie entlockt. Überall an den Kassen herrscht Gedrängel. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst mehr Geld mitnehmen“, tadelt ein kleiner Pionier mit rotem Halstuch seine Mutter, die auf den Ausgang der Kinderstadt zusteuert. „Teuer ist es an sich nicht“, meint sie, „aber Oleg will ja gleich zehnmal mit jedem Karussell fahren ...“