Michael Naumann: eine Antwort auf Walter Boehlich

Walter Boehlich, Herausgeber unserer Taschenbuchreihe „rowohlt Jahrhundert“, dem ich mich freundschaftlich verbunden weiß, hat in der ZEIT Nr. 20 einen Artikel über die Vergabe des Alfred-Kerr-Preises an das Neue Deutschland geschrieben, der, unter der Dachzeile „Der wahre Skandal“, die Vorsteherin des Börsenvereins, Frau Dorothee Hess-Maier, in harten Worten dafür kritisiert, daß sie den Preis nicht persönlich an das Neue Deutschland übergeben habe. Walter Boehlich war Mitglied der Kerr-Preis-Jury. Ihr vorgesessen hat der Chefredakteur des Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel, Hanns-Lothar Schütz. Daß Schütz nach dieser doch offensichtlich als Affront empfundenen Weigerung seiner eigentlichen Arbeitgeberin den Hut genommen habe, hat man noch nicht gelesen. Die Ehre, sagt Hegel, ist das Allerheiligste.

Was ist wirklich geschehen? Die Jury des Alfred-Kerr-Preises, eine Börsenvereins-Institution, hat in einer offenkundig fidelen Stimmung das Neue Deutschland für seine Sachbuch-Kritik ausgezeichnet. Daran überrascht zumindest die Idee: Wer, so hatte ich mich seit fast fünfundzwanzig Jahren gefragt, wer um alles in der Welt liest eigentlich dieses grauenhaft langweilige Blatt? Jetzt wissen wir’s – eine Jury des Börsenvereins. Auch Peter Härtling, Mitglied der Jury, kennt sich aus im Neuen Deutschland. Aber welches Neue Deutschland wurde da ausgezeichnet, das alte oder das neue Blatt? Walter Boehlich verrät es nicht in seinem ZEIT- Beitrag. Meint er das Neue Deutschland, das den Verbleib von 22 Milliarden Mark aus dem Schalck-Golodkowski-Vermögen enthüllt hat? Meint er jene fabelhaften investigativen Journalisten des Parteiblatts, die die möglichen Verstrickungen Modrows, Gysis und anderer ehrenwerter PDS-Mitglieder in jener von hektischer finanzpolitischer Transaktionspolitik geprägten Zeit bis zur Wiedervereinigung recherchiert haben? Wollte die Jury die epochalen journalistischen Leistungen der PDS-Kollegen würdigen, die jüngst, anläßlich des Jahrestages der Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD, feststellten, daß nach jenem emblematischen Handschlag zwischen Grotewohl und Ulbricht etwa 10 000 ostdeutsche Sozialdemokraten im Gulag der Sowjetunion „abhanden kamen“? Oder gedachte das Frankfurter Kollegium lediglich, ein Blatt zu belobigen, das in seinen jüngsten Ausgaben die Anleitungen zur Einrichtung eines ausgedehnten Internierungslagersystems unter dem Stichwort „Geheime Kommandosache“ eben jener ehemaligen SED-Parteigenossen dokumentierte, die wohl noch heute Abonnenten des Neuen Deutschland sind?

Nein, ein Blatt, das derlei Dinge publiziert, wollte die Jury keineswegs rühmen – und in der Tat hatte sich das Neue Deutschland weder in der Sachbuchredaktion noch sonstwo der hier angezeigten journalistischen Selbstverständlichkeiten befleißigt. Im Gegenteil. Derlei Dinge darf der Abonnent des neuen Neuen Deutschland im Spiegel oder anderswo nachlesen; nicht jedoch in dem Blatt, das doch, historisch bedingt, an den Quellen sitzt. Doch wer will dem Blatt über Nacht publizistische Exzellenz vorwerfen (außer der Jury)?

Bemerkenswert bleibt zumindest für den Rowohlt Verlag, daß die Kerr-Preis-Verleiher keinen Anstoß daran genommen haben, daß ausgerechnet die Sachbuchredaktion des Parteiblättchens den keineswegs überraschenden Versuch der PDS-Spitze guthieß, ein Buch mit einer einstweiligen Verfügung zu belegen, das die skandalösen, ja mörderischen Machtstrukturen der SED, mithin jener Partei offenlegte, deren Mitglieder so ziemlich alle Abonnenten und Mitarbeiter des Blattes waren (und sind?): Die Rede ist von Peter Przybylskis „Tatort Politbüro“, erschienen im Rowohlt-Berlin-Verlag. Es handele sich bei diesem Buch, so das ausgezeichnete Neue Deutschland, um einen „kriminellen Raubdruck“. Das fand ja auch Herr Modrow. Und gern hätte auch die Redaktion des Neuen Deutschland den in dem Buch veröffentlichten Briefwechsel zwischen Honecker und Breschnjew zur Privatsache erklärt – genauso wie die abenteuerliche „Geheime Kommandosache“, die in dem Buch dokumentiert wird und der zufolge wider alle völkerrechtlichen Usancen, aber ganz in der Tradition des Stalinismus, im Spannungsfalle Gegner des SED-Regimes „festgenommen bzw. liquidiert“ werden sollten.

Vom Kulturteil des Blattes mag man gar nicht reden. Täte man es, müßte man Hermann Kant erwähnen. Und der hat einen Rechtsanwalt, der die Klaviatur des Presserechts der Bundesrepublik sehr wohl kostspielig zu spielen weiß. Da schweigt man lieber, weil das Leben nicht aus Auseinandersetzungen mit Hermann Kant bestehen kann. In einem Wort, der Entschluß der Vorsteherin des Börsenvereins, den Alfred-Kerr-Preis gerade nicht dem Neuen Deutschland persönlich zu überreichen, zeugt von politischem Taktgefühl und Anstand auch gerade gegenüber jenen Schriftstellern und Sachbuchautoren, deren Werke in der Vergangenheit im Neuen Deutschland hingerichtet wurden. Das hatte bekanntlich andere Konsequenzen als ein Verriß in der ZEIT. Auch die Buchhändler der ehemaligen DDR, denen von der Jury die repräsentative Verleihung des Preises in Leipzig zugemutet werden sollte, hätten für diese symbolische Geste keinen Sinn gehabt. Hier geht es nicht um seltsame konservative Traditionslinien des Börsenvereins, die ja in der Tat existieren. (So ist das Börsenblatt die einzige Publikation der Bundesrepublik, die regelmäßig und ohne Kommentar Kolumnen ihrer einstigen Mitarbeiter aus dem Dritten Reich unter der harmlosen Rubrik „Gestern“ nachdruckt.) Nein, es geht um Taktgefühl: Hinter der Entscheidung der Kerr-Preis-Jury steht in Wirklichkeit der Geist der kulturellen Herablassung des Westens. Man wollte den dubiosen Ausgezeichneten sagen: „Es ist schon alles wieder gut, ihr macht eure Sachen recht ordentlich, wir wollen von der Vergangenheit absehen, wir vergeben euch.“ Da wäre es schon gut gewesen, man hätte gewartet, bis in der Jury ein paar Mitglieder aus der DDR aufgetaucht wären. Die wissen, wer sich hinter einigen Pseudonymen des Neuen Deutschland verbirgt.

Michael Naumann ist Geschäftsführer des Rowohlt Verlages