In dieser Woche findet der erste gesamtdeutsche Schriftstellerkongreß statt, in Travemünde, knapp neben der früheren deutsch-deutschen Grenze. Anders als den ersten Schriftstellerkongreß von 1947, den viele Autoren mit dem Wunsch aufsuchten, aus der Katastrophe gemeinsich etwas zu lernen und gemeinsam an einem neuen, besseren Deutschland mitzuwirken, hat sich diesen Kongreß keiner gewünscht: weder der westdeutsche Verband, nunmehr eine Unterorganisation der IG Medien, noch gar der Schriftstellerverband der DDR, den es nicht mehr gibt.

Johannes R. Becher, später Kulturminister der DDR, sprach damals in Berlin, am 7. Oktober 1947, von der "Einheit unserer deutschen Literatur", und er plädierte gegen jegliche Art von "Ausrichtung oder Lenkung". Er sagte auch: "Nur ein einheitliches, freiheitliches Deutschland kann seinen Beitrag zum Weltfrieden leisten." Aus all dem ist bekanntlich nicht viel geworden. Die deutsche Literatur wurde geteilt wie Deutschland, und die Literatur der DDR wurde durchaus einer Ausrichtung und Lenkung unterworfen, auch durch Bechers Mithilfe.

Die deutschen Schriftsteller, und besonders die beiden deutschen Verbände, haben die Wiedervereinigung weder betrieben noch erhofft, von den sogenannten Rechten abgesehen und abgesehen von Martin Walser. Die im Westen sympathisierten auf diffuse Weise mit dem Sozialismus. Nicht, daß sie ihn hüben unbedingt hätten haben wollen, und die schäbigen DDR-Verhältnisse schon gar nicht, aber es war ihnen recht, daß drüben an dem alten Traum, der auch der ihrige war, gearbeitet wurde, wie mühsam auch immer. Die Schriftsteller im Osten, sofern sie nicht die Flucht ergriffen oder dazu genötigt wurden, glaubten lange daran, daß sie in der besseren Hälfte Deutschlands lebten – wie Biermann einst sang: "Ich lieg in der bessren Hälfte / Und habe doppelt Weh". Sie glaubten daran, daß aus dem Realsozialismus der wirkliche Sozialismus hervorgehen könnte. Einige glauben das noch heute.

So gesehen gibt es für diese Schriftsteller aus Ost und West keinen Grund, ihre Haltung einer Revision zu unterziehen, und erst recht sehen sie keinen Anlaß zu irgendeiner Art von Vergangenheitsbewältigung. Für das reale Elend, daß der real exekutierte Sozialismus hervorgebracht hat, fühlen sie sich nicht verantwortlich, weil sie ja nie für diesen miesen Sozialismus gewesen sind, sondern immer nur für den wahren, schönen. Die gelegentliche Unbill, die ihnen daraus erwuchs, scheint ihnen Beweis genug. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, daß ihr Schreiben und Reden dazu beigetragen hat, die Schande zu verbergen und zu verlängern. Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" ist Ausdruck jenes guten Gewissens, dem alle Verletzungen und Kränkungen letztlich nichts anhaben können, weil es im harten und schönen Kampf für die richtige Sache gestählt wurde. Aber die notorische Reinhaltung der sozialistischen Theorie von ihrer sie stets kompromittierenden Praxis ist bequeme Ausrede oder sträfliche Blindheit. Nur als Blindheit kann man es bezeichnen, daß einige Schriftsteller noch immer glauben, sie hätten einen erheblichen Anteil am Umsturz in der DDR gehabt.

Die Wahrscheinlichkeit, daß in Travemünde so etwas wie Selbstkritik stattfinden wird, ist schon deshalb gering, weil Stefan Heym die Eröffnungsrede hält. Wo immer er letzthin auftrat, gab er zu erkennen, daß er den "Anschluß" der Sache für ein historisches Unglück hält und der Sache des Sozialismus treu zu bleiben gedenkt. Einem Mann dieses Alters (er ist 78 Jahre alt) und dieser Biographie (er mußte 1933 emigrieren und kämpfte als amerikanischer Soldat gegen die Nazis) wird niemand eine späte Einsicht zumuten. Gewiß 1947 er nicht sagen, was Elisabeth Langgässer 1947 sagte: "Nun gilt es, bescheiden zu werden, wachsam, demütig und einfach. Ich meine damit höchste, unerbittliche Klarheit, Redlichkeit und Moralität. Fangen wir an!" Daß dies ein Schriftsteller in Travemünde sagte, es wäre notwendig.

Ulrich Greiner