Von Andreas Kilb

Tief unten im Meer, zwischen Licht und Dunkel, zwischen Schein und Widerschein, beginnt eine Treppe. Es wird still im Saal, und eine kleine, traurige Klaviermusik erklingt, während das Auge die Stufen hinaufsteigt in den Abendhimmel und ans nächtliche Firmament, zu den Sternen. Dann löst sich von der letzten der vierundzwanzig Stufen ein goldener Palmenzweig und legt sich in die Mitte des Bildes, unter die Schrift, die in großen goldenen Lettern verkündet: LE FESTIVAL INTERNATIONAL DU FILM.

Und so fängt alles an.

Was ist das? Das ist Cannes. Das ist der Vorspann, der die Filme des internationalen Wettbewerbs, der "Quinzaine des Realisateurs", der "Semaine de la Critique" und der Sonderreihe "Un Certaine Regard" ankündigt, die hundert Filme des Festivals. Das ist der Kitsch, der die Tragödien begleitet.

Die Filmgeschichte, das sei der tragische Kampf der großen Autoren mit den Produktionsbedingungen des Kinos, behauptet Gilles Deleuze in seinem Buch "Das Bewegungsbild". Ich möchte ihm gerne glauben, aber Cannes beweist das Gegenteil. Cannes ist die Stadt, in der vierundzwanzig Kleinflugzeuge mit Gedröhn und Spruchbändern für das demnächst entstehende Großprojekt "Columbus – The Movie" werben, einen Film von George P. Cosmatos ("Rambo II") nach einem Drehbuch von Mario Puzo ("Der Pate I-III"). Und in der zwölfhundert Photographen auf den Auslöser drücken, wenn die Popgöttin Madonna die Stufen des Festivalpalastes erklimmt.

Aber vielleicht ist Cannes auch gar kein Ereignis der Filmgeschichte, sondern nur die Schrecksekunde, die den Kampf immer wieder unterbricht. Und vielleicht sind die großen Autoren nur eine Erfindung der Kritiker, die nach Namen suchen für eine anonyme Kunst. Das glauben fast alle, die nach Cannes kommen, um Schauspieler und Popsängerinnen zu interviewen oder andere Dummheiten zu begehen. Und die Sterne am Himmel sind nur die Stars, und die Kämpfer ruhen auf dem Meeresgrund.

Aber es gibt sie doch.