Von Susanne Mayer

Das Wetter war umgeschlagen. Der Wind fuhr unfreundlich durch die Baumkronen, als sich die Besucherin anschickte, den Pfad zum Knabenberg hochzusteigen. In der Hand hielt sie eine Plastiktüte (drei Kiwis, Schokokekse, zwei Orangensaft, in einem Anfall von Unvernunft erstanden, als drohe hier, an diesem geschichtsträchtigen Ort bei Naumburg an der Saale, auf halbem Weg zwischen Leipzig und Weimar, eine Lebensmittelknappheit).

Sie stieg über umgestürzte Bäume, bewunderte die wilden Veilchen, studierte einzelne Exemplare der Primula vulgaris und war, als die ersten Tropfen fielen, endlich so weit oben am Hang, daß sie über die Mauer gucken und ganz Schulpforta überblicken konnte: die fast ein Jahrtausend alten Gemäuer des Zisterzienserklosters, Monasterium Sancta Maria ad Portam, darin langgestreckt den herrlichen Dom, 1251 von Abt Albero im Spitzbogenstil über der romanischen Kirche errichtet, Mühlhaus und Fürstenhaus, Wirtschaftsgebäude, die grauen Schulhäuser, allesamt in der Beuge der Mauer aneinandergerückt, den verwüsteten Park. Sie konnte über das Tal der Saale blicken, an dessen Hängen blühende Obstbäume wie Wattebäusche hingen, und es fröstelte sie plötzlich. Der Regen? Erste Anzeichen von Schnupfen? Womöglich der Genius loci? Pfortes Geist?

„Es herrscht eine heilige Stille“, schrieb der kleine Friedrich Nietzsche voll Ehrfurcht im Jahre 1859, „und Pforta liegt nebelumwallt.“

Schülerprosa. Nur der Nebel fehlte noch, der Abstieg war dementsprechend eilig. Unten, am Tor, fuhr gerade ein Lada vor, aus dem vier Männer in Jogginganzügen sprangen. Sie verschwanden in dem kleinen Laden. Zwei weitere athletische Figuren standen im Regen und tranken Bier aus Dosen. Der neue Rektor aus dem Westen, werden die Schüler später erzählen, wolle solches Verhalten der Leute aus dem Dorf nicht mehr dulden. Der Laden solle weg, die Pforte wieder werden, was sie war – eine Institution, vorbildlich in jeder Hinsicht. Die Schule nicht nur Nietzsches, auch Klopstocks und Fichtes. Eine Schule der Besten. Ein deutsches Eton?

Es goß jetzt, der Mantel war durch. Doch wohin in Pforte?

Pforte war einst Fürstenschule, im Jahre 1543 von Herzog Moritz von Sachsen eingerichtet – „damit es mit der Zeit an Kirchendinern und andern gelarten Leuten in unsern Lande nicht Mangel gewinne“. Adel und Städte rekrutierten hundert Knaben aus allen Ständen und schickten sie als „Alumni“, als Stipendiaten, zur Erziehung in jene erhabenen Gemäuer, die der letzte Abt und die ihm nach der Reformation gebliebenen elf Mönchlein geräumt hatten. Das war der Beginn einer Schultradition, die sich der höchsten wissenschaftlichen Unterweisung ebenso rühmt wie einer disziplinierten Lebensweise, in der Schüler, beinahe selbstbestimmt, zusammen mit ihren Lehrern das Internatsleben regeln. So war es 400 Jahre lang, Schulpforta, Stoff für Legenden.