Ist die CIA überflüssig geworden? Könnte die Central Intelligence Agency also abgeschafft werden? Was bis vor kurzem noch als Hirngespinst gegolten hätte, wird dieser Tage in Amerika immerhin diskutiert. Senator Daniel P. Moynihan, Demokrat aus New York, von jeher ein Mann mit ketzerischem Intellekt, lancierte sogar den Vorschlag, die bisherigen Aufgaben des Geheimdienstes dem Außenministerium zu übertragen. Sprachkundige, gescheite Kulturattaches in der Botschaft könnten für die Kenntnis eines Landes mehr erbringen als der lernunfähig gewordene Apparat der Central Intelligence Agency, deren Name allein schon nach vier Jahrzehnten falscher Einschätzung der Sowjetunion zu einem Oxymoron, zu einem Widerspruch in sich selbst, geworden sei, meint Moynihan.

Immer wenn an der Spitze der CIA eine Wachablösung stattfindet, werden mindestens seit Watergate Rolle, Zweck und Image des Geheimdienstes mit großer Leidenschaft erörtert. Natürlich wird ein Vorschlag wie der des Senators Moynihan keine Chance haben. Aber das Schlüsselwort der Diskussion heißt mehr denn je "Reform" – Reform der Aufgaben, der Budgetzuweisungen und des Selbstverständnisses der CIA. Denn was soll der Lebenszweck einer Institution in Zukunft sein, welche die Hälfte ihrer personellen und finanziellen Ausstattung über Jahrzehnte hinweg gegen die Sowjetunion, deren Verbündete und Gefolgschaften in der Dritten Welt gerichtet hatte? Was soll werden aus dem Esprit de corps, der vom sowjetischen Feindbild und der Überzeugung gelebt hat, der Kalte Krieg werde eines Tages ja doch in einen heißen münden? Zwar ist die heutige Entwicklung in der Sowjetunion unübersichtlich; ein Rückfall in militärische Herrschaft ist ebensowenig auszuschließen wie eine fortschreitende Demokratisierung. Doch der alte "Erzfeind" der CIA löst sich auf und mit ihm der Konfliktstoff.

Die CIA, 1947 gegründet, ist ein Geschöpf des Kalten Krieges. Kein geringerer als Dean Acheson, Außenminister der Vereinigten Staaten von 1949 bis 1953, hatte bald danach prophezeit, daß niemand wissen werde, was diese Einrichtung wirklich tut; nicht einmal der Präsident, weil alles streng geheim sei. Acheson dürfte kaum geahnt haben, wie weit die CIA zwischen zäher Spionagearbeit und geheimen Kriegen ihren Aktionsradius noch ziehen sollte. In dieser Tradition war der Iran-Contra-Skandal das jüngste, vielleicht sogar das letzte Beispiel. Noch einmal war es einem CIA-Direktor, Bill Casey, gelungen, an allen Aufsichtsinstanzen und an der Legalität vorbei zu operieren. Als die Untersuchungen begannen, verstarb er. Hat er die letzten Geheimnisse wirklich mit ins Grab genommen?

Die Frage ist nicht deshalb interessant, weil wieder einmal nach der Rolle Ronald Reagans oder George Bushs geforscht werden soll, sondern weil Bill Caseys langjähriger Stellvertreter Robert Gates an die Spitze des Geheimdienstes treten soll. Präsident George Bush hat ihn im Nationalen Sicherheitsrat beobachtet. Er hält Gates für geeignet, die Nachfolge von "Jugde" Webster anzutreten, eines unstrittigen Saubermannes, der viel getan hat, um die CIA vom Zwielicht ihrer Vergangenheit und den dunklen Machenschaften Caseys zu befreien.

Webster hat indessen nicht vermocht, die CIA als federführendes Organ der elf amerikanischen Geheimdienste auf die neuen Herausforderungen einzustellen: Die Invasionspläne des nahöstlichen Diktators für Kuwait und die Hintergründe der geschickten Aufrüstung des Iraks blieben fast bis zum Ereignis unerkannt; die Schlagkraft der Streitmacht Saddams wurde so deutlich überschätzt, wie das Ausmaß des wirtschaftlichen Kollapses der Sowjetunion unterschätzt wurde. Dürfen die Amerikaner für dreißig Milliarden Dollar an Geheimdienstausgaben pro Jahr nicht Besseres erwarten? Die zuständigen Kongreßausschüsse haben bereits angekündigt: gespitzte Rotstifte für die CIA und ihre Helfer und spitze Fragen für Robert Gates.

Ulrich Schiller