Ostseebad Zingst

So ruhig war es hier schon seit dem Krieg nicht mehr“, sagt eine alte Frau vor dem Lebensmittelladen der 3500-Seelen-Gemeinde. ‚Es sind ja kaum Urlauber da. Ich fürchte, das wird in diesem Jahr eine ganz schlechte Saison.“

Das Ausbleiben der Urlauber lastet schwer auf der jahrzehntelang vom Massentourismus versöhnten Ortschaft. Dreißig Prozent der Zingster sind bereits arbeitslos, weitere dreißig Prozent arbeiten kurz, und jetzt wanken auch noch die letzten beiden größeren Arbeitgeber, das Volkseigene Gut und das Bundeswehrobjekt, unter der Last kommender Strukturveränderungen.

Anreiz für den Tourismus erhofft sich die Gemeinde vom Ausbau des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft, dessen Kernzone wenige Kilometer vom Ort beginnt. Das Gesetz über die Schaffung des Nationalparks wurde noch im vergangenen September in großer Eile von der letzten DDR-Regierung beschlossen. Die unter besonderen Schutz gestellte Landschaft erstreckt sich vom Darß, über den Zingst, Hiddensee bis nach Rügen. Ausgeklammert in diesem weitläufigen Gebiet sind im Grunde nur die Ansiedlungen. Ein Schießplatz der Luftabwehr und große Ackerflächen des Gutes Zingst liegen in der Kernzone des Nationalparks.

Die intensive Landwirtschaft hat auf dem Zingst großen ökologischen Schaden angerichtet. Noch schlechter sind viele Anwohner auf die ehemalige Einheit der NVA zu sprechen, die jährlich von Mai bis Oktober Übungsschießen auf dem nahegelegenen Schießplatz veranstaltete.

Im November des vergangenen Jahres verabschiedeten die Gemeindevertreter einhellig eine Petition an das Bundesverteidigungsministerium, in der die Aufgabe des Stützpunktes Zingst gefordert wird, da Schießplatz und Nationalpark sich nicht vertrügen.

Auf der Bonner Hardthöhe ließ man es sich nicht nehmen, Gemeindevertreter und Umweltschützer einzuladen, um ihnen das Konzept der Bundeswehr vorzustellen. Abgeschossen werden sollen auf dem Schießplatz künftig vor allem 2,40 Meter lange Lenkflugkörper vom Typ Roland, und das während sechs bis acht Wochen im Frühjahr und im Herbst. Die „Schießdurchgänge“ seien variabel, könnten Brutzeiten und Vögelzüge berücksichtigen und lägen außerhalb der Touristensaison.