Washington würdigt die Deutschen und ihren Kanzler – zieht aber mit Bonn nicht an einem Strick

Von Dieter Buhl

Washington, im Mai

Die Magie des Weißen Hauses hat noch keinen Kanzler kaltgelassen. Das Oval Office mit seiner historischen Patina, die atemberaubende Macht des Hausherrn beeindruckten noch jeden Bonner Gast. Für Konrad Adenauer, der im April 1953 als erster Bundeskanzler nach Amerika reiste, bedeutete die Washington-Premiere einen Höhepunkt seiner politischen Laufbahn. Für Helmut Kohl, den ersten Regierungschef des vereinten Deutschlands, wurde die Visite bei der westlichen Supermacht zu keinem Triumphzug, wohl aber zu einer Bestätigung seiner Politik, die ihm zu Hause nur selten gewährt wird.

Allerdings haben sich Amerikas Emotionen nach dem Mauerbruch in Deutschland längst verflüchtigt. Statt dessen machen Hiobsbotschaften aus den neuen Bundesländern die Runde. Die Bilder von den Eierwerfern in Halle hat das aktionshungrige amerikanische TV-Publikum wahrscheinlich schon öfter gesehen als das deutsche. Und Kohls sinkende Popularitätswerte sind am Potomac ebenfalls kein Geheimnis.

So saß denn kein strahlender, aber doch ein sehr selbstbewußter und dynamischer Kanzler vor dem Kamin im Präsidentenbüro. Kohls eindringliche Körpersprache fiel um so mehr auf, als George Bush um vieles schmaler und ruhiger geworden ist. Er habe gestern mit seinen beiden Söhnen Wiedersehen gefeiert, die in Amerika leben, überbrückte Kohl die Photophase zu Beginn der Begegnung. "Wunderbar", kommentierte Bush ohne die gewohnte Emphase.

Die Schilddrüsentherapie hat bei dem sonst so lebhaften Präsidenten Spuren hinterlassen. Gewiß war es jedoch nicht nur die krankheitsbedingte Mattigkeit, die das Engagement des Gastgebers zügelte. "Die Bundesrepublik", resümierte ein hoher Beamter des Weißen Hauses, "zählt im Augenblick einfach nicht zu unseren drängendsten Problemen." Nach der Vereinigung ist Deutschland vom gelegentlichen Sorgenkind Washingtons endgültig zum normalen Verbündeten geworden. Das zeigt sich auch bei der Behandlung bilateraler Streitfragen. Kohl und Bush sprachen über die Höhe der Zinsen und die Schwierigkeiten bei der Gatt-Runde, über den freien Welthandel. Die Meinungsverschiedenheiten waren mit den Händen zu greifen. Das Verständnis der Hauptakteure für die Haltung des Partners dämpfte jedoch jeden sichtbaren Anflug von Unmut. Vorwürfe über die deutsche Vorsicht in der Gatt-Politik etwa äußerten nur Fachleute ein oder zwei Etagen unterhalb der Führungsebene.