Von Ludwig Siegele

Quizfrage: Welches ist das größte Pariser Gebäude? Nein, nicht der Louvre, sondern das Wirtschafts- und Finanzministerium. Von weitem sieht der Betonbau am Seineufer wie eine überdimensionierte Bootsanlegestelle mit Hubschrauberlandeplatz aus. Doch der Klotz ist eine veritable Verwaltungsstadt: Auf einer Fläche so groß wie die Kölner Altstadt arbeitet eine Armee von mehreren tausend Beamten.

Spätestens seit Ende der vergangenen Woche ist die Größe des Gebäudes Symbol. Beim Pariser Regierungswechsel avancierte der Hausherr Pierre Bérégovoy vom Superminister zum Hyperminister. Der Sozialist kümmert sich nun auch noch um Industrie, Außenhandel, Post und Telekommunikation – und ist damit praktisch mächtiger als seine neue Chefin Edith Cresson. „Eine Art Co-Premierminister“, kommentierte die regierungsnahe Tageszeitung Libération.

Die Wahl von Position und Person war nur konsequent. Die französische Ausgabe des japanischen Megaministeriums Miti soll der Garant dafür sein, daß die neue Regierung das von Präsident François Mitterrand vorgegebene Ziel erreicht: die Industrie fit zu machen für den europäischen Binnenmarkt. Und zum Pragmatiker Bérégovoy gab es da keine Alternative: Er hat sich in den vergangenen Jahren fast schon unersetzlich gemacht.

Die Anekdote erntete auf Pariser Diners jahrelang Lacherfolge: Während die Anhänger der Sozialisten in der Nacht vom 10. Mai 1981 auf dem Place de la Bastille unter strömendem Regen den Wahlsieg feierten, ließ sich Pierre Bérégovoy von dem damaligen Zentralbankchef Renaud de La Geniere die Wechselkurspolitik erklären. Wenn der Franc unter Druck gerät, so lautete die Lektion, muß man die Zinsen erhöhen und umgekehrt.

Ob wahr oder falsch – die Geschichte zeigt, wie das französische Establishment lange Zeit über die Kompetenz des Neuankömmlings dachte. Schließlich war er kein Absolvent einer Eliteschule wie die meisten französischen Spitzengenossen. Weil es der aus der Sowjetunion eingewanderten Familie an Geld fehlte, mußte Bérégovoy, Jahrgang 1925, schon früh arbeiten, anstatt die Bank eines renommierten Gymnasiums zu drücken: Mit sechzehn war er Fräser, mit neunzehn Eisenbahnarbeiter.

Dem jungen Bérégovoy ist das nicht genug; er wird Autodidakt. „Er hatte die Ambition jener, die nicht die Chance gehabt haben, auf die weiterführende Schule zu gehen. Und er hatte das Zeug zum Erfolg“, berichtet einer seiner damaligen Genossen. „Er hält Frankreich für extrem elitär“, ergänzt einer seiner Mitarbeiter. „Er bevorzugt die Vereinigten Staaten, wo keiner einen Minister fragt, ob er ein Diplom hat.“