Schon die banale Frage: „Wie geht’s?“ bringt uns ins Überlegen, hoffentlich! In einer Zeit der allgemeinen Verunsicherung, in einer Zeit gegenseitiger Schuldzuweisungen und utopischer Forderungen blühen die Vorurteile. Man überläßt sich den Emotionen, wo nüchterne Überlegung am Platz wäre. Menschen, die sich jahrzehntelang als sozialistische Schafe haben widerspruchslos treiben lassen, wohin sie nicht wollten, haben plötzlich den Tiger in sich entdeckt und brüllen los, entdecken überall Mangel und Ungerechtigkeit und fordern, was das Zeug hält.

Das ist ein Jammern und Klagen von Kap Arkona bis zum Fichtelberg, als würden wir dafür bezahlt. Haben wir die Besinnung verloren – oder was ist los mit uns Ossis? Der scharfe und treffsichere Wolf Biermann analysiert die Lage so: „Das gesicherte Dahinsiechen ist vorbei. Alles ist in Bewegung geraten; die lebenslangen Frührentner fangen an, ranzuklotzen wie sonst nur am Wochenende auf der Datsche. Der chronische Bummelstreik ist beendet. Auf einem Arbeitsplatz werden sich nicht drei abgestumpfte Leute räkeln...“ Und er warnt aus eigener Erfahrung: „Die Freiheit ist schwerer auszuhalten als die vertraute Unterdrückung Bloß nicht zuständig sein für sich selber!“ Womit der Ossi in seiner Entmündigungshaltung und damit zusammenhängenden seelischen Zwangslage getroffen ist.

In diese schmerzliche Wahrheit fallen westliche Scheinargumente wie Benzinkanister auf einen Schwelbrand: „Die sollen mal die Ärmel hochkrempeln drüben und lernen, was Arbeiten heißt!“ Und die Politiker sprechen salbungsvoll von „Fähigkeit zur Solidarität“ und „Nationalem Konsens“ und was solcher leeren Richtigkeiten mehr sind. Die von Bundeskanzler Kohl und SPD-Vorsitzenden Vogel vereinbarten Kommissionen sind vor lauter Grundsatzerwägungen und Protokollfragen gerade mal zur ersten Sitzung vorgedrungen. Was ist denn nur los mit uns geeinten Deutschen?

Christian Führer, Pfarrer an St. Nikolai, Leipzig

Aus: „Neues Deutschland“