Festumschlungen schlenderten sie die lärmige Via del Corso entlang. Doch im Angesicht des dreitausendjährigen Obelisken auf der weiten Piazza del Popolo hielt es der junge Mann in Lederjacke und Jeans nicht mehr aus. „Willst du auch mal?“ fragte er seine Angebetete und preßte ihr jenes nette, kleine handliche Objekt der Begierde vors Gesicht, auf das die Italiener neuerdings so stehen: so lang wie ein Eis, so dick wie ein panino, ein Brötchen, und so leicht, sagen wir, wie ein kleiner Revolver. Es beult die Taschen der Armani-Jacketts gebührend aus, schrillt urplötzlich aus der Plastikhandtasche der Signora im Autobus und ziert wie Salz und Pfeffer den Tisch im Restaurant: das telefonino cellulare, das tragbare Telephon.

Das neue Kommunikationsspielzeug hat Italien erst spät erreicht, Jahre nach den USA, Frankreich und Deutschland, aber gerade noch rechtzeitig zur Fußballweltmeisterschaft im Frühsommer 1990 gingen 600 Sportfunktionäre auf die Frequenz und zeigten der Welt, wie auch das chaotische Italien technische Höhen erschwingt. Seither ist die „drahtlose Telephonitis“ (La Repubblica) ausgebrochen. Im April gab es schon 254 000 neue telefonino-Besitzer, zusätzlich zu den ebenfalls boomenden, sehr viel luxuriöseren 100 000 Autotelephonen. Die staatliche Telephongesellschaft SIP träumt schon von Millionen Taschentelephonen in ein oder zwei Jahren.

Ein ganz neues Fernsprechgefühl. Endlich ist der Signore in jeder Lebenslage erreichbar. Bisher war Italien nämlich telephontechnisches Entwicklungsland, wo zwölf Monate Wartezeit auf den Anschluß, falsche Nummernvergabe, zusammenbrechende Leitungen und astronomische Fehlerquoten bei den Gebührenabrechnungen nahezu die Regel waren. Telephoniert wurde vom öffentlichen Münzfernsprecher in der lauten Bar an der Ecke, wo das verzweifelte „pronto, pronto“ sich mit Kaffeetassengeklapper vermischte. In einem Land, wo Reden, Plaudern und Kommunizieren nun mal die Lieblingsbeschäftigung ist, war der Griff zum Hörer meist ein arger Frust. Aber nun kann man sich für vier- bis sechstausend Mark Listenpreis plus saftiger Gebühr von fast einer Mark pro Einheit zu Spitzenzeiten die allzeit bereite Plaudertasche leisten.

Die ersten, die ihre Virilität und Wichtigkeit mit dem kleinen Tragbaren unterstrichen, kamen natürlich aus der Politikerkaste. Von Regierungschef Giulio Andreotti bis zum hartgesottenen Sozialistenchef Bettino Craxi kann keiner ohne das prestigeträchtige Klingeling am Ohr. Auch Cicciolina, der blonde Pornostar im Parlament, zwitschert ihre albernen Sex-Botschaften jetzt direkt ins telefonino. Ganz schlimm hat es Haushaltsminister Cirino Pomincino erwischt. „Ob im Schwimmbad, im Fußballstadion, beim Fernsehen, beim Picknick oder beim Tanzen“, so La Repubblica, der Minister kann nicht mehr ohne das drahtlose Ohrgehänge. „Sonst wäre ich erledigt“, gestand er.

Natürlich zog der ganze politische Hofstaat, der in Rom an Feudalzeiten erinnert, nach: Aktenträger, Sekretäre, Bodyguards und Hofschranzen aller Art wollten nicht mehr ohne telefonino leben. Auch der ganz gewöhnliche Mann von Welt ruft vom Bahnsteig an: „Liebling, der Zug hat Schon wieder drei Stunden Verspätung.“ Auf dem Abendflug von Venedig nach Rom klingelt das Tragbare zehn Minuten penetrant aus der Gepäckablage. Und keiner geht ran.

94 Prozent der telefonino-Besitzer sind Männer. Natürlich leihen die das kleine Ding mal an Frau oder Freundin aus wie sonntags das Auto. Aber das Tragbare kommt nun mal der weitverbreiteten Gabe der männlichen Zurschaustellung entgegen. Mit dem telefonino macht der Verführer auf der sonnigen Piazza erst richtig bella figura, wenn er nämlich das Ding lässig herauszieht wie Opa einst die goldene Taschenuhr oder Leute von gestern ihre „brillantene“ Cartier.

Nachdem die ersten Gläubigen auf dem Petersplatz die religiöse Inbrunst mit dem Ding zu stören drohten, wurde es Monsignore Cosmo Francesco Ruppi zuviel. „Hört endlich mit dieser blöden und überflüssigen Telephonitis auf“, geißelte der Erzbischof aus dem süditalienischen Lecce den Konsumismus seiner Schäflein. „Die Leute nehmen’s ja nicht zum Arbeiten, sondern zum Angeben“, erklärte Hochwürden. Und legte sich selbst ein Autotelephon zu, „denn ich muß ja als Seelenhirt erreichbar sein“.