Von Rolf-Herbert Peters

Forstdirektor Hans Biebelriether hat für den Sammeleifer seiner Kollegen nicht viel übrig. Während die meisten Waldbesitzer noch jetzt, ein Jahr nach den Frühjahrsstürmen des vergangenen Jahres, zerschlagenes Holz zusammensuchen, freut sich der Chef des Naturparks Bayerischer Wald, daß in weiten Teilen seines Schutzgebietes bereits wieder eine vielfältige Fauna und ein naturgemäßer Mischwald zu gedeihen beginnen. Die Kosten für den Erfolg sind gering. Sein Geheimnis: „Sturmholz einfach liegenlassen.“ Der hektische Aktivismus dagegen, der sich in deutschen Wäldern breitgemacht habe, seitdem Vivian, Wiebke und andere Sturmdamen gewütet hätten, schade den Waldbauern ökonomisch und ökologisch im gleichen Maße, sagt Biebelriether. Die Situation komme „einer kompletten Bankrotterklärung des gesamten deutschen Forstwesens“ gleich.

Vertreter von Forstwirtschaft und Holzindustrie bringen solche Aussagen indes auf die Palme. Bankrott seien nur die Geschädigten. Rund 13 Millionen Kubikmeter Holz waren vor den Orkanen bereits geschlagen, 72 Millionen Kubikmeter machten die Stürme zusätzlich zu Kleinholz. Insgesamt stand Ende des Forstjahres 1989/90 bei manchen Baumarten fast die dreifache Menge des Normaleinschlags zum Verkauf an. Die Waldbesitzer konnten bis zum Frühjahr dieses Jahres erst knapp die Hälfte dieses Vorrats absetzen. „Forstverwaltungen, Holzhandel und verarbeitende Industrie befinden sich noch immer in einer Katastrophe, wie wir sie seit Menschengedenken nicht gekannt haben“, klagt Horst Buschalsky, Referent beim Bundesverband Deutscher Holzhandel.

Über mangelnde Solidarität von Bund und Ländern konnten sich die Waldbauern allerdings nicht beklagen: Erhebliche Steuervergünstigungen und ein blitzartig verabschiedetes 600-Millionen-Mark-Hilfsprogramm sollten die Belastungen für die Waldbauern erträglicher machen. Doch trotz aller Hilfeleistungen ist das Wehklagen der Betroffenen, vor allem des Handels, nicht verstummt. Die politische Entwicklung habe die Beistandsleistungen nahezu unwirksam gemacht: Exportdefizite durch den Golfkrieg seien das größte Malheur gewesen. Der Handel mit der Türkei sei vorübergehend zum Stillstand gekommen und die Hoffnung auf größere Geschäfte mit den Levante-Staaten dahingeschmolzen. Man müsse davon ausgehen, „daß eine erhebliche Menge Holz in unseren Wäldern unverkäuflich verrotten wird“, befürchtet Buschalsky.

„Nichts als Krokodilstränen!“ meinen Natur- und Umweltschützer. Für Biebelriether sind die Aktivitäten der Forstleute gar ein „gigantisches Zuschußgeschäft“. Helmut Klein, Sprecher des Arbeitskreises Wald beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), sieht keine Notwendigkeit, weitere Steuergelder lockerzumachen: Mit überzogenen Verlustangaben von vier oder gar acht Milliarden Mark versuchen Waldbesitzer und Handel indes, noch mehr Unterstützung zu erwirken.

Ins blanke Verderben ist die Forstwirtschaft sicherlich nicht gestürzt, analysiert man die Zahlen und Fakten, die Wolfgang Bachofer von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) ermittelt hat. Hoffnungen, daß die Lagerbestände schnell schmelzen, sind durchaus angebracht. Die Waldbesitzer erwarten „hohe Steigerungsraten im Baugewerbe“ für 1991. Aber auch die Jahresbilanz 1990 fiel durchaus positiv aus: „Die Ertragslage der Forstwirtschaft hat sich im Jahr 1990 weiter verbessert. Die Reinerträge sind im Privatwald und im Körpeischaftswald gestiegen. Im Staatswald konnten die Verluste gemindert werden.“

Bei naßgelagertem Holz sind nach Einschätzung der Experten vom BUND kaum weitere Preiseinbußen zu erwarten. Aber auch trockengelegen ist es nach Ansicht Kleins vor allem wegen der steigenden Baukonjunktur als Bau- und Industrieholz noch viele Monate absetzbar. Die Angst, daß Borkenkäfer die deponierten Stämme unbrauchbar machen, sei völlig übertrieben