Von Bartholomäus Grill

Die hilfsbereiten Bürger sind hilflos. Vergebens suchen sie nach Anleitungen zum richtigen Barmherzigsein. „Die Apokalypse macht stumm und stumpf“, klagt die tageszeitung. „So viel Not ist zuviel Not“, kapituliert das christliche Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt. Zu groß das Leiden – hilft da nichts mehr?

Wohl noch nie haben so viele Menschen an so vielen Orten zur selben Zeit so viel Hilfe gebraucht: 1,5 Millionen von Saddams Soldateska gehetzte Kurden; 10 Millionen Bangladescher, über die ein Wirbelsturm Not und Elend gebracht hat; 29 Millionen vom Hungertod bedrohte Afrikaner; weit über 30 Millionen Menschen, die vor Krieg, Unterdrückung und Armut fliehen; bald 200 000 Peruaner hat die Cholera befallen. Lasset uns helfen – aber wem zuerst?

Nein, wir brauchen uns nichts vorzuwerfen. Wir haben stets gegeben und gegeben, Kekse, Kanülen und Kredite, 333 Milliarden Mark-Entwicklungshilfe flossen allein aus der Bundesrepublik. Was hat es gebracht? Ein paar weiße Elefanten und viele Ruinen. Unser Mitgefühl ist müde geworden, wird eingeschläfert durch die ewige Wiederkehr der immer gleichen Katastrophen. Das amerikanische Magazin Newsweek hat dafür ein Wort geprägt: disaster fatigue, Überdruß an all dem Unglück. Die Bereitschaft zu helfen schwinde, die Mittel werden knapper, berichten humanitäre Organisationen.

Unverzagte Samariter entscheiden über die Adressaten ihrer milden Gaben nach den Bildern, die sie am stärksten aufgewühlt haben. Glücklich dürfen sich derzeit die Kurden preisen. Weil die Weltgemeinde an ihnen noch Schuldgefühle abzuarbeiten hat, erhalten sie prime time, die beste Sendezeit. Sogleich werden Blitzsammlungen veranstaltet und ein Pop-Spektakel. Pech haben hingegen die Flutopfer von Bangladesch – an ihrer verwüsteten Küste stehen zu wenig CNN-Kameras. Oder die Hungernden in Somalia – von dort wurde ein Hilfsflugzeug nach Kurdistan umgelenkt. Oder die Verzweifelten in Äthiopien. 1984, bei der letzten Hungerkatastrophe, hatten sie noch eine „Medien-Lobby“. 34 Millionen ARD-Kunden schauten in die großen, schwarzen, traurigen Augen der Kinder, litten an ihren aufgedunsenen Bäuchen und spindeldürren Beinchen.

Das Elend der Massen steigerte die Einschaltquoten und füllte die Konten der Wohlfahrt.

Wir haben gespendet – nicht mehr so viel, aber gerade genug, um das Gewissen zu entlasten. Jetzt schlägt die Stunde der Krisenmanager. Transall-Maschinen heben ab, Lkw-Konvois rollen, US-Marines luftlanden. Die Operation Lebensader läuft, die Geretteten freuen sich – sie, die „armen Teufel“ im Süden, schicksalhaft und unabwendbar heimgesucht von stets wiederkehrenden Naturkatastrophen, biblischen Plagen wie Dürre, Heuschreckeneinfällen, Seuchen oder Überschwemmungen. Ist das so?