Deutschland soll sich nicht als Reservat betrachten – ein Gespräch mit Willy Brandt

Von Gunter Hofmann

Bonn, im Mai

Typisch Brandt, möchte man manchmal dazwischenrufen. In der Kontroverse über eine außenpolitische Neuorientierung Deutschlands – "Kontinuität", sagen die einen, "Heraus aus der Nische", die anderen – ergreift er nicht einfach vorbehaltlos für diese oder jene Seite Partei. Man müsse, sagt Brandt, "wegkommen vom Gerede von einer neuen weltpolitischen Rolle Deutschlands". Es komme vielmehr darauf an, wie die Verantwortung für Europa künftig wahrgenommen werden kann.

Für sich, wiederholt Brandt im Gespräch, lasse er die Frage nach der weltpolitischen Rolle nicht zu. Er sei auch ganz gegen eine Tendenz, sofern es sie gibt, vornehmlich auf den Nationalstaat zu blicken.

Willy Brandt, 77 Jahre alt, Bundeskanzler a.D., Ehrenvorsitzender der SPD, an deren Spitze er zuvor 24 Jahre lang stand, ist präsent wie gewohnt in den zentralen politischen Diskussionen. Die deutsche Vereinigung, das Plädoyer für Berlin, das Engagement im Golfkonflikt – das sind die jüngsten Stationen seiner Einmischung ins politische Geschäft.

Das alles mündet scheinbar zwanglos und selbstverständlich in sein Votum zur deutschen Politik: "In einer Zeit, in der sogar die Schweiz über den Beitritt zur EG nachdenkt, wird es noch grotesker, wenn manche glauben, sie könnten sich in ein schweizerisches Idyll flüchten." Daß die Bundesrepublik bewußt eine "große Schweiz" werden könnte, "das ist mir ja in höchstem Maße sympathisch, nur, es trägt nicht lange".