Rossau

Im sanften Tal des Auenbachs liegt das Straßendorf Rossau – eine verschlafene Gemeinde von 3000 Einwohnern im Regierungsbezirk Chemnitz. Ganz in seiner Nähe, an einem Waldrand, liegt ein ebenes Gelände von über achtzig Hektar, das sich, auf den ersten Blick, ideal für ein Gewerbegebiet eignen könnte. Die Eigentumsverhältnisse sind geklärt, die Besitzer – Bauern einer ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) – sind bereit, ihr Land zu verkaufen. Doch der Plan könnte für den Rossauer Wald, eines der wichtigsten Waldgebiete im Vorland des Erzgebirges, den Kollaps bedeuten. Das befürchten zumindest Ökologen der Dresdner Universität und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Der durch Autoabgase und Emissionen einer Schweinemastanlage gebeutelte Forst sei „in keiner Weise zusätzlich belastbar“.

Die Bedenken der Naturschützer kollidieren mit wirtschaftlichen Interessen: Rund vierzig westdeutsche Handelsunternehmen würden gerne auf der Fläche entlang des Rossauer Waldes bauen. Warenlager, Supermarkt, Autobahnraststätte, Diskothek – ein Zentrum des Handels, das Rossau den Wandel bringen soll. Die Arbeitgeber der Region – die Textilindustrie und die Landwirtschaft – stecken in Schwierigkeiten. Ein Großteil der Rossauer ist bereits ohne Arbeit. Wie viele Gemeinden in den neuen Bundesländern hofft auch Rossau, daß durch ein Gewerbegebiet der Wohlstand im Dorf Einzug hält. Über 2000 Arbeitsplätze, so rechnet Horst Glöß, könnten so in den nächsten Jahren entstehen.

Glöß, seit zwölf Jahren Gemeindevorsteher in Rossau, steht unter Druck. Für die Arbeitslosen und Kurzarbeiter ist das geplante Gewerbegebiet die einzige Hoffnung, wieder einen Job zu bekommen. Wenn das Projekt platzt, könnte das Glöß bei den nächsten Gemeindewahlen seinen Arbeitsplatz kosten. Auch fünf Geschäftsleute aus Westdeutschland setzen ihre Hoffnungen auf ein Gewerbegebiet am Rossauer Wald. Gemeinsam mit der Gemeinde haben die „Wessis“ im Dezember die Indu-Park GmbH gegründet. Die Gesellschaft mit Sitz im Rossauer Rathaus soll den Plan am Waldrand realisieren: Sie kaufte das Gelände, bezahlt die Erschließung und will Gewerbeflächen an westdeutsche Handelsbetriebe verkaufen.

Das Geschäft stimmt nicht alle zuversichtlich. „Denkt an unsere Enkel“, mahnt Gerold Braune, Bereichsleiter Biotop- und Artenschutz im Landratsamt Hainichen. Und die Naturschutz-Beamten forderten Gutachten über mögliche Auswirkungen auf die Umwelt an. Das Ergebnis: Ein Gewerbegebiet am Rossauer Wald hätte verheerende Folgen. Es würde „die Wechselbeziehungen zwischen dem Wald und dem landwirtschaftlich genutzten Vorland“ unterbinden und „die vielfältigen komplizierten ökologischen Beziehungen eines Waldrands“ stören. Im Klartext: Viele, auch seltene Tierarten könnten das Gebiet nicht mehr zur Nahrungsaufnahme nutzen; der zusätzliche Schwerlastverkehr auf dem Autobahnzubringer könnte dem „Genpool“ des Rossauer Waldes den Rest geben. Doch Glöß und seine Helfer aus dem Westen halten an ihrem Plan fest und wollen auch „Vorkehrungen zum ökologischen Ausgleich“ treffen: Ein Korridor zwischen dem Gewerbegebiet und dem Rossauer Wald müsse unbebaut bleiben, an anderer Stelle sollten ehemalige Landwirtschaftsflächen mit „standortgerechten Laubholzarten“ bepflanzt werden.

Damit, glauben die Gesellschafter der Indu-Park, müßten die Bedenken der Umweltschützer ausgeräumt sein. „Ich bin jetzt relativ sicher, daß es klappt“, frohlockt Indu-Park-Geschäftsführer Josef Ball, Autovermieter aus Soest in Westfalen und passionierter Porsche-Fahrer. Wie die anderen Gesellschafter gehört er dem Porsche-Club Deutschland an. Dort wurde im August vergangenen Jahres die Idee geboren, in den neuen Ländern ein Handelszentrum zu errichten. Rasch legten die Porsche-Liebhaber ein paar Millionen zusammen – für den Kauf von Land und die Erschließung des Geländes. Ball und Ko-Geschäftsführer Westerhoff, der in den neuen Ländern bereits Imbißbuden verkaufte, brausten mit ihren flotten Limousinen gen Osten und kamen mit der Gemeinde Rossau ins Geschäft. Bürgermeister Horst Glöß wurde von vielen Investoren aus dem Westen umworben. „Aber Herr Ball und seine Leute waren am saubersten und reellsten“, meint Glöß.

Geht es nach Josef Ball, so „rollen schon in wenigen Wochen die Bagger“ auf das Gelände am Rossauer Wald. Der Einigungsvertrag macht’s möglich: Die Planungsphase für großflächige Bauprojekte kann in den neuen Ländern verkürzt werden – von einigen Jahren auf knapp acht Monate. Die Dimension der geplanten Handelsansiedlung stimmt viele nachdenklich. „Zu groß für Rossau“, sagt Peter Kunze, Mitarbeiter im Regierungspräsidium. Schließlich sollen fast fünfzig Hektar bebaut werden. In den Altbundesländern, meint Kunze, rechne man mit drei bis fünf Hektar Gewerbegebiet auf 1000 Einwohner. In Rossau wären es rund fünfzehn Hektar. Außerdem bestimmt eine Gesetzesvorlage der Regierung, Flächen zur Neuansiedlung von Gewerbe „vorrangig in geeigneten zentralen Orten zur Verfügung zu stellen“. In der Liste der zentralen Orte Sachsens taucht Rossau nicht auf.

Ob das Regierungspräsidium Chemnitz das Rossauer Konzept als „Wildwuchs“ ablehnt oder als Chance für die Region genehmigt, ist noch nicht abzusehen. Unterdessen ist Josef Ball mit seinem Porsche bereits in Westdeutschland unterwegs – um Verträge abzuschließen. Der Handel mit den wichtigsten Interessenten – Norma, Edeka und dem Pharmagroßhandel Kapferer – ist perfekt. Wolfgang Landmesser