Von Rolf Michaelis

Die deutsche Einheit: lauter verpaßte Chancen – auch in der Kultur. Da tagt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, mit Sitz in Darmstadt, zum ersten Mal in 42 Jahren in der DDR – und will gar nicht hören, was die einheimischen Autoren vielleicht zu sagen hätten. Kein Schriftsteller, kein Wissenschaftler der DDR wurde ans Rednerpult gebeten. In öffentlicher Diskussion zum Tagungsthema "Erschwindelte Bedeutung – ein Gedankenaustausch über unsere Sprache" durften gerade zwei Einheimische den Mund auftun: die Schriftstellerin Angela Krauß und der als kluger politischer Kopf bekannt gewordene und sich auch in Weimar glänzend bewährende Pfarrer an der Schloßkirche in Wittenberg, Friedrich Schorlemmer. Ja, und als neues Mitglied im Kreis der Akademiker durfte sich mit Gedichten vorstellen der als Bohrwerksdreher ausgebildete, seit Jahren im Westen Deutschlands lebende Wolfgang Hilbig. Gedankenaustausch? Eine erschwindelte Tagung, die so auch in Darmstadt hätte langweilen können.

Zum zweiten Mal findet (bis zum 9. Juni) das "Kunstfest Weimar" statt, eine Prominenten-Parade, fast unter Ausschluß heimischer Künstler und – angesichts der Preise – wohl auch ohne viel Publikum aus Weimar. Als ob man aus der Pleite des Spektakels vor einem Jahr nichts gelernt hätte, stolpert das nicht am Ort, sondern in Bonn geplante "Kunstfest Weimar" in eine neue Serie von Pannen: Die Liste der Absagen und Veränderungen ist am Eröffnungstag fast so ansehnlich wie das Programm.

Da tut es weh, wenn die als Schirmherrin aus Bonn herbeigeeilte Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ausgerechnet im Deutschen Nationaltheater, dessen Künstler fürchten müssen, von "Kurzarbeit Null" in Arbeitslosigkeit zu fallen, mit bebender Stimme ihre Angst nicht verhehlen mag, daß im "geeinten Deutschland zu wenig von der Kultur und zu viel von der Wirtschaft" gesprochen werde.

Vierzig Weimarer Künstler haben ihrem Oberbürgermeister, dem aus Bonn entsandten, ehemaligen Geschäftsführer des Bundesarbeitskreises Christlich Demokratischer Juristen (BACDJ) Klaus Büttner, einen Brief geschrieben, in dem sie, wie die "Stadtillustrierte für Erfurt und Weimar", Boulevard, schreibt, ihrem "Unmut Luft machen", weil sie "sich ausgegrenzt fühlen von einem Spektakel, das in dieser Form wohl niemand richtig liebhaben kann".

Auch der – tüchtige – Bürgermeister aus dem Westen hat einiges dazu getan, daß ihn seine Ost-Bürger nicht so richtig liebhaben. Man kann ja verstehen, daß ein von Frau und Kindern getrennter Beamter nicht ewig im Hotel leben mag. Muß der Wessi-OB deshalb gleich, wie ein DDR-Bonze aus alten, unseligen Zeiten, in das Schloß Belvedere vor der Stadt ziehen? Die Wohnung unter dem Dach der Sommerresidenz der Herzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach, die der SED-Staat jämmerlich hat verkommen lassen, mag noch so bescheiden sein: Es macht böses Blut, wenn sich der gewählte CDU-Obmann wie ein Stadtkommandant in den Dienstwagen schwingt und sich aus der Stadt mit den schlechtesten Luftwerten in ganz Thüringen auf der alten Prachtallee aus barocken Zeiten in die dunstfreien Höhen über dem Ilmtal chauffieren läßt, um unter Schild und Wappen des alten Adelshorsts zu schlummern.

Es herrscht, nicht nur in Weimar, zähneknirschende Dankbarkeit für die Helfer aus dem Westen. Wie schreiben die vierzig Künstler ihrem Oberbürgermeister: "Geld ist zwar eine wesentliche Voraussetzung..., aber bei weitem nicht die einzige." Je länger man sich "drüben" aufhält, desto stärker wird der Eindruck, die Westler machten – gutgläubig, aber dickfellig – im Osten des geeinten Landes vieles falsch. Stiefeln wir wirklich wie die Kolonialherren durch die ökonomische Wüste, die das landschaftlich schöne, alte Reich der Kultur um Weimar oft genug wirklich ist?