Wieder einmal wurde die „Krise der Parteien“ entdeckt. Die Krise der CDU beschreibt Warnfried Dettling in der vorigen Ausgabe der ZEIT: „Das rechte Elend der Konservativen“. Dettling hängt Heiner Geißler an, also einer sympathischen, nützlichen Minderheit in der CDU.

Ist das „konservative Element der CDU mehr als die Verteidigung des Status quo und seiner Besitzstände?“ attackiert Dettling hart. Nun mußte die CDU einige Überzeugungen gerade eben unter Beweis stellen. Im Golfkrieg hat sie sich, nach verständlichem, mir aber dennoch zu langem Zögern, zur Beteiligung an der westlichen Aktion entschlossen. Das war und ist höchst unpopulär, die Nation wollte und will Ruhe und Bequemlichkeit. Jahrzehntelang haben wir Deutschen den bewaffneten Schutz der Amerikaner vor den Sowjets immer wieder, zitternd meist, herbeigefleht, Atomwaffen eingeschlossen. Bei der ersten Not „unserer Freunde“ haben wir beinahe versagt. Das hätte uns Schande eingebracht („na, meinetwegen“, sagten viele Deutsche), bald Europa zur Verteidigung unfähig gemacht. Ganz gut, daß da die deutschen Konservativen sich dem (uns ja zu verständlichen) „Ohne-mich-Trieb“ versagten.

Hart belastet sich die CDU mit der Diskussion um die Abtreibung. Mir scheint der Paragraph 218 in der jetzigen Fassung vertretbar. Die Konservativen meinen, das werdende Leben müsse besser geschützt werden. Linke, Liberale und Feministinnen („Mein Bauch gehört mir“) stellen das Selbstbestimmungsrecht der Frau höher, bis zur klaren Fristenlösung. Logisch, gar mit Formulierungen à la Süssmuth läßt sich der moralische Streit nicht auflösen. Eine Partei, wenn nicht beide, werden verletzt aus ihm hervorgehen. Abstimmung muß entscheiden – scheußlich, aber es gibt keinen Ausweg. Die „Konservativen“ haben tapfer, gegen ihr Interesse, ihre moralische Sicht verteidigt, sich dem einfachen Weg (der Freigabe der Abtreibung) verweigert.

Ferner: In meinem nun recht langen Leben habe ich oft und nicht nur in zwei Weltkriegen gehungert. Da fühlt man sich vom Reichtum heute bei uns schier erdrückt und wünscht sich Parteien, die die ständige Steigerung an Verbrauch und Genuß bremsen; die den natürlichen Drang nach eben diesen Gütern nicht noch stimulieren. Beispiel: Man soll es nicht dem Bundesbankpräsidenten Pöhl überlassen, die letzte Sieben-Prozent-Lohnerhöhung als für die neuen Bundesländer schädlich zu nennen, weil viele Betriebe in der DDR sie nicht mehr tragen können; ihre Mitarbeiter werden in die Arbeitslosigkeit getrieben.

Dettling meint, die CDU habe die soziale Marktwirtschaft (einst „große Leistung“ der CDU), verkommen lassen; sie dulde einen „Marktradikalismus, welcher der FDP, nicht aber der CDU gut ansteht... Die Folgen dieses falschen Denkens sind gegenwärtig in Ostdeutschland zu besichtigen.“ Wieso?

Richtig wäre: Die Folgen der kommunistischen Wirtschaft waren so entsetzlich (und nicht vorhersehbar), daß die Marktwirtschaft sie nicht korrigieren konnte. Wir alle, auch die Kritiker, selbst die angesehensten unserer deutschen Ökonomen (zum Beispiel Helmut Schmidt und Karl Schiller) haben diese Schäden gründlich unterschätzt, die Bundesregierung mehr als Pöhl. Keine zwei Monate aber hat die Bundesregierung gebraucht, den Irrtum zu erkennen, Milliarden zu mobilisieren und schon jetzt bessere Möglichkeiten zu schaffen, sie auch auszugeben – einige Kommunen hatten solche Mittel bereits den Banken (auch einer amerikanischen) ausgeliehen, damit sie nicht verplempert werden.

Einiges hätte ich anders, vielleicht früher gemacht; siehe den Katalog von Helmut Schmidt, in der vorigen Nummer der ZEIT. Aber auch Helmut Schmidt wird anerkennen, daß etwa seine Forderung nach einer Ergänzungsabgabe schon ausgeführt wurde, als er sie gerade forderte.