Einen Verlag zieht’s um

Verdächtige Eile: Schon vom 1. Juli an wird die Verlagsadresse des Luchterhand-Literaturverlags nicht mehr Frankfurt am Main, sondern Hamburg lauten. Als der bevorstehende Umzug just bekanntgegeben wurde, konnten die beiden Verlegerinnen noch nicht einmal eine neue Anschrift nennen. Man werde schon etwas Geeignetes finden, beeilte sich der Kultursenator Ingo von Münch zu versprechen, der die Ansiedlung des Verlages in Hamburg für den größten Coup seiner Amtszeit hält. Was sich Hamburg diese Krönung hat kosten lassen, darüber wurde in hanseatischer Manier geschwiegen, sichtlich zur Beruhigung von Regina Vitali und Elisabeth Raabe, die den Verlag seit 1988 besitzen. Näheres darüber wüßten vor allem mehrere Hamburger Verleger gern, die sich seit längerem darum bemühen, der Kulturbehörde die eine oder andere Unterstützung für ihre kleinen Verlage abzutrotzen. Der Senator beteuert: „Es ist nichts gegeben worden, was nicht üblich ist. Keine Wahlgeschenke.“ Wirklich nicht? Soll man glauben, daß der Verlag Frankfurt so fluchtartig verläßt, weil sich die Metropole am Main gar zu „kulturfeindlich“ gebärde? Was Luchterhand – Kredite oder Zuschüsse hin oder her – vor allem sparen wird: Personal. Von den zwanzig Mitarbeitern wird nur ein gutes Drittel nach Hamburg folgen. Und mit der kleinen Mannschaft will man ein ganz neues Programm machen: vor allem mehr Sachbücher. Wer wird nicht das Verlagshaus von Grass, Härtling und Jandl, von Christoph Hein und Christa Wolf (deren Bücher sich freilich fortan nur noch im Taschenbuchprogramm finden werden) an der Elbe willkommen heißen? Wenn das den Verlag rettet, soll es recht sein, ob mit Alsterblick oder ohne. Und besser heute als morgen.

Württembergischer Champagner

„Eine lange schlottrige lemurenhaft eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend häßlichen Gesicht“: So erinnert sich Friedrich Hebbel an die Begegnung mit Hans Christian Andersen. Nun benimmt sich dieser Däne auch noch so seltsam. Im Garten seines Stuttgarter Gastgebers, des Buchhändlers Hoffmann in der Rotebühlstraße 77 (heute die Anschrift des Verlags Klett-Cotta), „pflückt er winzige Sträuße Gänseblümchen und überreicht sie – etwas affektiert – den Damen“. Was der hypochondrische Andersen bei seinen zwei Besuchen in Stuttgart sonst noch erlebt hat, notiert Reinhard Gröper in einem neuen Heft der Sammlung „Spuren“ – bis hin zu Andersens anerkennender Bemerkung, er sei mit „württembergischem Champagner“ gelabt worden. Die Schriftenreihe „Spuren“, herausgegeben von Thomas Scheuffelen im Auftrag des Deutschen Literatur-Archivs in Marbach am Neckar: Das ist nicht bloß Literatur-Archäologie, sondern anschaulich gemachte Vergangenheit, oft verbunden mit der (Wieder-)Entdeckung verschollener Texte. So gilt ein anderes Heft der neuen Lieferung („Spuren 10“) der Erforschung von Eugen Gottlob Winklers Leben in Stuttgart-Wangen, wo der Schriftsteller, der sich im Oktober 1936, gerade 24 Jahre alt, aus Angst vor einer Verhaftung durch die Gestapo das Leben nahm, auf dem Dorffriedhof begraben liegt. Auch dieses 16-Seiten-Heft bringt unveröffentlichte Texte, Bilder, Dokumente und ist zum Preis von fünf Mark zu beziehen vom Literatur-Archiv in 7142 Marbach, Postfach 1162.

Charms, von Bach

Was wären wir, liebe Leser, ohne unsere Leser. Ein Dreck wären wir, ein Nichts, ein Loch im Wind. Unsere Leser nämlich haben gleich mit sicherem Blick erkannt, daß die beiden deutschen Texte aus dem Notizheft des russischen Dichters Daniil Charms (1905 bis 1942), die wir in der Ausgabe vom 10. Mai in unsere Spalten rückten, durchaus älteren und durchaus deutschen Ursprungs sind. Das erste Gedicht („Wie furchtsam wankten meine Schritte“) beruht auf dem Text einer Bach-Kantate (BWZ 33, Nr. 3), Poet unbekannt, und auch das zweite wurde aus altem deutschen Sangesgut montiert. Es sind (nachzulesen beziehungsweise -hören in der Schemelli-Lieder-Sammlung Bachs, BWZ 457) Verse des Nürnbergers Magnus Daniel Omeis (1646 bis 1708) in einer Variation von Charms, der gern mit literarischen Formen aus allen Zeiten gespielt hat. Für diese kritische Quellenforschung, bei der übrigens ungeklärt blieb, ob Omeis nicht vielleicht doch erst 1711 gestorben ist – und wer lebte nicht gern drei Jahre länger? –, geht ein sehr herzlicher Dank an unsere Leser, ohne die wir, wie oben bereits angedeutet, gar nichts wären oder nur ein Dreck beziehungsweise ein Nichts oder aber ein Loch im Wind. Das ist eigentlich alles.