Medienphobie

Politik ist schlimmer als Heroin, jedenfalls für Politiker. Werden sie von dieser harten Droge abgesetzt, sei es durch eine Wahlniederlage oder durch eine Intrige der Parteifreunde, dann treten Entzugserscheinungen auf. Melancholie, Verfolgungswahn, Trunksucht, Selbstmordgedanken – verstoßene Politiker haben viele Krankheitsgeschichten geschrieben. Vor wenigen Tagen wurde eine neue publik: Medienphobie. Der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing offenbarte in seiner Autobiographie „L’affrontement“, daß er von seiner Wahlniederlage 1981 bis zum Juli 1988 weder die politische Berichterstattung der Presse noch die Fernsehnachrichten verfolgen konnte – aus Angst, sein Name werde erwähnt. Diese Abstinenz von der Tagespolitik hinderte ihn jedoch nicht daran, sich 1984 in die Nationalversammlung wählen zu lassen. Zur Wahrnehmung eines Parlamentsmandats muß man ja nicht unbedingt auf dem laufenden sein.

Wetterfrösche

Daß Politiker gerne die Gelegenheit ergreifen, bereits am frühen Morgen ihre Tagesparolen über den Äther zu verbreiten, ist an sich nicht außergewöhnlich. Um – neudeutsch ausgedrückt – authentisch zu bleiben, lügen sie dabei gerne auch schon mal das Blaue vom Himmel. Staatsmänner im Frühstücksfernsehen gebärden sich gerne wie Laubfrösche auf der Leiter – instinktsicher und laut. In dieser Woche ließ sich der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger für die populäre Sendung CBS This Morning verpflichten; er erläuterte seinen Landsleuten die Tiefausläufer und Hochdruckzonen des Tages. Warum ihn dies reize? Kissingers Antwort: „Wenn man als Politiker Vorhersagen trifft, dann dauert es lange, bis die Leute wissen, ob man recht hatte. Beim Wetter aber können sie einen sofort erwischen.“

Eßbremse

Helmut Kohl hat seine Landsleute oft genug aufgefordert, den Gürtel enger zu schnallen, um nach der staatlichen Einheit Deutschlands nun auch bald die soziale und wirtschaftliche „ins Werk zu setzen“. Glaubt man den neuesten Zahlen, die das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten verbreitet hat, dann ist der Aufruf des Kanzlers nicht von den reichen Wessis befolgt worden, sondern von den östlichen Brüdern und Schwestern. Sie haben nämlich 1990 die Eßbremse angezogen: So sank beispielsweise der Fleischverbrauch um zwölf Prozent, der Butterkonsum gar um 26 Prozent. Das Bonner Ministerium ahnt den Grund: „Offensichtlich wird allgemein am Essen gespart zugunsten des Erwerbs langlebiger Konsumgüter.“ Wenigstens der in historischer Erfahrung gegründete Appell, daß der Wohlstand sich nicht von selbst einstelle, sondern auch in der alten Bundesrepublik förmlich „vom Mund abgespart“ werden mußte, scheint die richtigen Adressaten gefunden zu haben.