Zum ersten Mal zieht die Wiedervereinigung nun auch in Westdeutschland ein Stück Abwicklung nach sich: Die Bundeswehr muß verkleinert, eine Reihe von Standorten aufgelöst werden (nach Stoltenbergs Plänen 213 von 688, darunter 151 Kleinststandorte). Das schafft unvermeidliche soziale Härten. Das Wehklagen ist verständlich. Nachdenklich stimmt höchstens die Tatsache, daß auch manche sozialdemokratisch regierte Gemeinde jetzt um ihre Soldaten barmt, die der Bundeswehr noch vor zehn Jahren öffentliche Vereidigungs- oder Gelöbnisfeiern untersagte. Auch hier gilt: Non olet. Wenn es an den Geldbeutel geht, schmilzt die Ideologie rasch dahin.

Aber es hilft alles nichts. Jahrzehntelang haben wir uns Abrüstung gewünscht, allen voran die SPD. Jetzt, wo Abrüstung möglich wird, dürfen wir sie nicht mit dem Argument bekämpfen, daß sie Arbeitsplätze kostet – nach dem Muster jener Gewerkschaft, die den Hinweis auf die Gesundheitsschädlichkeit des Rauchens ablehnte, da er Jobs in der Tabakindustrie gefährde.

Wenn die deutschen Streitkräfte, die vor zwei Jahren noch 495 000 Soldaten im Westen und 170 000 Soldaten im Osten zählten, auf zusammen 370 000 Mann zurückgestutzt werden, entstehen schwierige Übergangs- und Anpassungsprobleme. Deren Lösung erfordert Einfallsreichtum und Großzügigkeit. Von beidem ist in den Plänen der Bundesregierung bisher zu wenig sichtbar geworden. Aber sollen wir uns deswegen die Teilung und den Kalten Krieg zurückwünschen?

Die Reduzierung der Bundeswehr hat auch Vorteile. Die Belästigung durch Lärm, Staus und Flurschäden verringert sich. In Universitätsstädten könnten Kasernen zu Studentenwohnheimen umgebaut werden. Die Hardthöhe kann den Gemeinden freiwerdendes Gelände zuweisen. Übungsplätze lassen sich in Naturparks verwandeln. Jedenfalls sind Asylantenherbergen nicht der nächstliegende Verwendungszweck für überflüssig werdende Kasernen.

Der Verkleinerung der Bundeswehr wird in den nächsten Jahren eine drastische Reduzierung der noch in Deutschland stationierten ausländischen Truppen folgen. Den Sowjets, die bis Ende 1994 räumen sollen, wird niemand nachweinen. Aber auch die westlichen Alliierten werden ihre Garnisonen drastisch verringern. Da kommt noch mehr Unbill auf westdeutsche Kommunen zu. Doch wäre es nicht nur unrealistisch, sondern ganz und gar unfair, wollten sie die Vorteile von Einheit und Entspannung ganz allein genießen und den Menschen im Osten alle Nachteile zuschieben.

Th.S.