Der Rat war gut gemeint: Ihr arbeitet einfach zuviel. Entspannt euch doch mal zwischendurch. Schaut euch was Schönes an. Macht doch eine Städtetour.

Wir folgten, wählten eine europäische Großstadt und buchten den Stadtrundgang am ersten Nachmittag gleich mit. Dreieinhalb Stunden mit einheimischem Führer. Treffpunkt im historischen Zentrum. Säule rechts, Statue links, Kirche in der Mitten. Aber was für eine Kirche. „Die Fassade im hochgotischen Stil. Der Turm ist 85 Meter hoch und zeigt altgriechische Elemente.“ Der einheimische Stadtführer fuchtelt begeistert mit seinem beigen Stockschirm. Diszipliniert folgen unsere Blicke nach oben. „Teile der Flügel wurden später von katalanischen Mönchen im Barockstil erneuert.“ Wir versuchen möglichst verständnisvoll zu nicken und schämen uns. Eigentlich hätten wir doch vorher mal was Geschichtliches lesen sollen. „Historisch interessant auch dort“ – der Schirm sticht energisch in die Luft – „in der Nische diese Skulptur zeigt als einzige noch existierende den Baumeister. Wir werden später noch seine kryptischen Fresken an der Fürstengruft sehen.“

Zu blöd, daß man sich nur beim Bauhaus ein bißchen auskennt. Aber bloß nichts anmerken lassen. „Hier, bitte, links,“ unser Schirm setzt sich dynamisch Richtung gotischer, nein hochgotischer Kirchenfront in Bewegung, wir genauso dynamisch hinterher, „hier sehen sie den Bischof von Ederlötzen, der den Dom 1192 erbauen ließ. Er starb sechs Jahre später, als das Gebäude noch unvollendet war.“

Früher in der Schule haben wir bei solchen Themen immer Schiffe auf Karopapier versenkt. „Das Kirchenschiff ist leider derzeit gesperrt, ... wird gerade renoviert... beim nächsten Besuch unbedingt einen Blick auf die Orgel werfen, eine der größten und schönsten, 1129 Pfeifen.“ – Beeindruckend. Was für riesige Füße dieser Bischof auf seinem Sockel hat. Lange breite Füße. Ob das die künstlerische Freiheit war oder ob der arme Mensch wirklich auf so großen Füßen lebte?

Faszinierend finden Besucher auch ... das klassizistische Stadttheater von 1760 ... unbedingt beachten ... elegante Säulentrilogie zwischen zwei pittoresken Domen...“ Wirklich phantastisch.

Gleich nach der dreieinhalbstündigen Führung gehen wir schnurstracks in die nächste Buchhandlung, um zwei, wie man uns versicherte, unerläßliche Standardwerke zu erstehen: über klerikale Architektur des Mittelalters und historische Stile im Abbild der Jahrhunderte. Die restlichen Tage unseres Aufenthalts verbringen wir bei intensiver Lektüre in unserem Hotelzimmer.

Die nächste Städtetour haben wir übrigens schon geplant. Wir brauchen einfach die Entspannung. Gabi Bauer