Völlig überraschend sind die deutschen Aktienkurse ins Klettern geraten. Mit beträchtlichen Umsätzen erreichte der Deutsche Aktienindex (Dax) neue Jahreshöchststände. Und wieder einmal waren es die Ausländer, die den Startschuß zur Hausse gegeben haben. Schon vor einiger Zeit hatte sich besonders bei den Londoner Brokern die Meinung durchgesetzt, daß der deutsche Aktienmarkt vernachlässigt worden sei. Während andere Weltbörsen den durch die Kuwait-Krise erlittenen Einbruch längst wieder wettgemacht haben, fehlt den deutschen Aktien noch ein ganzes Stück bis zum Vorjahresgipfel.

Die Ausländer sind neuerdings der Meinung, daß sich in den neuen Ländern eine gewisse Besserung abzeichnet. Das hat die Ostphantasie, die im vergangenen Jahr den deutschen Aktien ihre Hausse bescherte, vorsichtig neu belebt. Von Euphorie kann natürlich keine Rede sein.

Wie immer, wenn die Kurse steigen, gewinnen positive Nachrichten in den Börsensälen plötzlich an Gewicht. So wurde beifällig zur Kenntnis genommen, daß die Bundesbank die diesjährige Inflationsrate unter vier Prozent halten zu können glaubt. Das nährt Hoffnungen auf niedrigere Zinsen, ob nun zu Recht oder zu Unrecht (siehe ZEIT/Südprojekt-Prognose). Die Börsianer atmen auch deshalb auf, weil die Tarifrunde ohne größere Arbeitskämpfe über die Bühne geht, selbst wenn sie die Lohnerhöhungen als „unverantwortlich“ bezeichnen.

Daß von der Aufwärtsbewegung vor allem die bitte chips profitiert haben, liegt angesichts der Ausländerkäufe auf der Hand. Überdurchschnittliche Kurssteigerungen gab es bei Allianz Holding, Deutsche Bank, Daimler, VW und namentlich bei Siemens. Die beträchtlichen Umsätze in diesen Papieren kamen vor allem deshalb zustande, weil inländische institutionelle Anleger und auch Berufshändler Gewinne realisiert haben. Nun warten sie darauf, auf ermäßigter Basis wieder einsteigen zu können. Denn die Nachhaltigkeit der gegenwärtigen festen Tendenz wird von vielen Analysten und Chartisten in Zweifel gezogen.

Nur der langfristig orientierte Anleger könne zum jetzigen Zeitpunkt erstklassige Aktien kaufen, lautet der Rat. Im Prinzip sollten aber Anschaffungen zurückgestellt werden, bis es zu der erwarteten Korrektur kommt. Eine Strategie, die berücksichtigt, daß sich bereits Widerstandslinien abzuzeichnen beginnen. Von einem Rückfall des Dax in die Nähe seines bisherigen diesjährigen Tiefpunktes ist aber nicht mehr die Rede. K.W.