Von Barbara Crossette

Unter dem weißglühenden Sommerhimmel von Delhi warten Tausende hagerer Männer auf ein politisches Ereignis. Ihre Kleider sind ausgeblichen, ihre Turbane zerlumpt. Sie warten seit Stunden, zeigen weder Spontanität noch Freude. Die Männer und ein paar Dutzend teilnahmsloser Frauen sind gekauft. Man hat sie aus dem Nachbarstaat Haryana herangekarrt, ihnen einige Rupien oder einen Gratistrip in die Stadt versprochen. Dafür sollen sie ein Meer aus Gesichtern und Zustimmung bilden.

Die transportable Menge gehört Devi Lal. Der politische Pate Haryanas und stellvertretende Ministerpräsident Indiens sitzt in einem schattigen Pavillon, umringt von einem Dutzend ergebener Politiker, die ihre Kampagne für die nationalen Wahlen hier beginnen wollen. Ihnen wird Mangosaft serviert.

Auf dem Platz hocken durstig und staubig Devi Lais Leute. Sie werden langsam unruhig, als ein Redner nach dem anderen vor sich hindröhnt. Einige stehen auf und rufen nach Devi Lal. Aber sie bleiben freundlich. Männer mit Knüppeln bedeuten ihnen, sich hinzusetzen.

Endlich bewegt sich Devi Lal: ein großer, eindrucksvoller 77jähriger mit schneeweißem Haar, wie immer in frisches Weiß gekleidet, vom gestärtem Kurta-Hemd bis zu den Spitzen seiner Ali-Baba-Schuhe. Endlich, mit dreistündiger Verspätung, tritt er ans Mikrophon. Die Menge erwacht zum Leben, applaudiert dankbar und jubelt kräftig, als er zum Ende kommt. Ihre Arbeit ist getan. Devi Lais Leute gehen, als der nächste Redner anhebt, Indiens Premierminister Chandra Shekhar.

Devi Lal ist ein Mann, der seine Koffer mit goldenen Schmuckstücken und Spazierstöcken aus purem Silber füllt, die ihm von Wählern aufgedrängt werden. Sein Sohn ist der berüchtigte Om Prakash Chautala, der nicht zögert, Schlägertruppen auszusenden, um Rivalen seines Vaters einzuschüchtern. Devi Lal ist vielen Indern ein Symbol für die Schwächen einer Demokratie, die einst der Dritten Welt als Modell empfohlen wurde. Nicht eine einzige politische Partei oder Institution sei frei von der Seuche der Vetternwirtschaft, Kriminalität und Brutalität, schreibt der pensionierte Polizeioffizier S. K. Gosh in seinem Buch „Die indische Mafia“, einer provokanten Neuerscheinung über organisiertes Verbrechen und Politik.

„Im Tausch für ihre Sicherheit haben Politiker Gangstern die Macht überlassen“, schreibt Gosh, der unter britischer wie indischer Administration diente und jetzt dem unabhängigen Rechtswissenschaftlichen Institut der Universität Kalkutta vorsteht. „Je weniger unsere Regierenden grundlegende ökonomische und soziale Probleme lösen, desto mehr müssen sie ihre Muskeln spielen lassen, um die enttäuschten Massen unter Kontrolle zu halten.“