Von Robin Detje

Hoffentlich springt der Hund von der Bühne und beißt das Publikum!

Klaus Pohl

Der Dramatiker in der Hotelhalle, nachmittags. Klaus Pohl ist schlaksig, nervös und wirkt beinahe körperlos. Plötzlich kommt er auf einen Dramatikerfreund zu sprechen (von der Erscheinung her eher ein Mannsbild) – und wirft ihm Unkörperlichkeit im Schreiben vor.

Und noch mehr Widersprüche: Der Dramatiker Klaus Pohl, schlaksig-nervös, erfindet die Figur des „Karate-Billi“: einen Spitzensportler, den man ins Irrenhaus stecken muß, um seine Kraft zu brechen. Sepp Bierbichler, von der Erscheinung her eher ein Mannsbild, spielt diese Rolle in der Hamburger Uraufführung des Stücks „Karate-Billi kehrt zurück“ – und macht auf nervös. Er spielt, als wäre er schlaksig; tänzelt, spreizt sensibel die Finger und verleugnet sein Gewicht. Welcher Regisseur hat die Rolle so mißverstanden, den Schauspieler so falsch (oder so wenig) angeleitet? Es war der Autor selber: Klaus Pohl.

Seit zwölf Jahren schreibt der Schauspieler Klaus Pohl (ein „Polackenkind“ aus Rothenburg ob der Tauber) an einem einzigen Stück: am Drama der deutschen Provinz. „Im Dorf ist es ja ganz stille“, heißt es im „Alten Land“, Pohls erstem Erfolg (1984), und dann: „Es ist ein heimliches Gären darin.“ Eine Schreckensnachricht. Pohl macht den Gärungsprozeß öffentlich, kocht ihn auf bis zur Katastrophe und bringt seinen Figuren Tod und Verderben. In „Hunsrück“ (1979/85), einem bedrückend kargen Stück, zeigt Pohl die Geburt der Tragödie aus dem asozialen Delirium: Dumpfe Gewalt vergärt zum Massenmord. „Heißes Geld“ (1988), fast eine Boulevard-Komödie, spürt das asoziale Delirium in der Welt der Hochfinanz auf: Was ist ein dumpfer Massenmord gegen den lustigen Bankrott einer Bank?

Nun hat Klaus Pohl zwei neue Werke verfaßt; am Fließband, möchte man meinen. Innerhalb von fünf Tagen sind sie uraufgeführt worden: „Die schöne Fremde“ (eine Auftragsarbeit für die Ruhrfestspiele) in Recklinghausen, „Karate-Billi kehrt zurück“ (eine Auftragsarbeit für das Deutsche Schauspielhaus) in Hamburg. Zwei zornige, beängstigend klug gebaute Stücke und zwei traurig matte Theaterabende.