Von Matthias Naß

Hamburg, im Mai

Unvorstellbar, daß Klaus von Dohnanyi in seinem Rathausbüro zwei Kirmesherzen aufgehängt hätte. Henning Voscherau hingegen, Dohnanyis Nachfolger im Amt des Hamburger Bürgermeisters, gibt sich volkstümlich selbst dort, wohin das Auge des Volkes gewöhnlich nicht reicht. "Henning für Hamburg", steht in weißem Zuckerguß auf den beiden braunen Lebkuchen, die über dem Konferenztisch in seinem Dienstzimmer an der Wand baumeln.

Henning, der Hamburger Jung’, den Elbsegler auf dem Kopf und das Herz am rechten Fleck: Mit diesem Image wollen die Hamburger Sozialdemokraten die Bürgerschaftswahl am kommenden Sonntag gewinnen. Die SPD setzt auf ein neues Wir-Gefühl: Die Stadt ist großartig, die Partei und Voscherau sind es auch. "Unser Bürgermeister ist ein waschechter Hanseat", adelt Ehrenbürger Helmut Schmidt den Kandidaten auf einer Wahlkundgebung. Allerdings sei Voscherau erst seit drei Jahren im Amt. Aber nach "sieben, zehn oder zwölf Jahren" werde er neben Max Brauer, Paul Nevermann und Herbert Weichmann in der "Reihe der bedeutenden Hamburger Bürgermeister" stehen. Als Schmidt den so Gepriesenen mit dem ebenfalls auf dem Podium sitzenden Johannes Rau dann auch noch in den Rang "berufs- und lebenserfahrener Staatsmänner" erhebt, da huscht über Voscheraus ergriffene Miene für einen Moment ein verlegenes Grienen.

Als Staatsmann hat die Hansestadt Voscherau bisher nicht kennengelernt, wohl aber als einen alerten Senatschef, der macht- und selbstbewußt die Regierungsgeschäfte übernahm, als Klaus von Dohnanyi im Mai 1988 die Brocken hinwarf. Jetzt muß sich Voscherau, der im August fünfzig Jahre alt wird, erstmals als Spitzenkandidat den Wählern stellen. Er will mindestens Dohnanyis Ergebnis von 1987 (45 Prozent) egalisieren. "Meine Freude fängt bei 46,1 Prozent an", sagt Voscherau – und erwartet insgeheim mehr: 47 oder 48 Prozent sollten es schon sein.

Die Chancen stehen nicht schlecht, daß ihm dies gelingt. Alle Umfragen sehen die SPD rund zehn Prozentpunkte vor den Christdemokraten. Die Bonner Koalition steckt in einem Stimmungstief. Nichts deutet darauf hin, daß sich der Trend nach dem CDU-Debakel in Rheinland-Pfalz ausgerechnet in Hamburg umkehren könnte, wo die SPD seit 34 Jahren ununterbrochen regiert, mal allein, mal mit der FDP.

Vor allem aber: Das politische Klima in der Hansestadt ist für die Sozialdemokraten so günstig wie lange nicht mehr. Hamburg boomt. Die Stadt hat den Strukturwandel weitgehend bewältigt, sie ist zu einer modernen Dienstleistungsmetropole geworden (siehe auch Elke Bröder: Spitze in der Bundesliga, Seite 19). Innerhalb von vier Jahren ist die Zahl der Arbeitslosen von 100 000 auf 60 000 zurückgegangen, obwohl die Bevölkerung allein in den beiden vergangenen Jahren um 50 000 gewachsen ist. "Vor 1987 war dies eine Stadt in Resignation, in Stagnation", sagt Voscheraus Stellvertreter Ingo von Münch (FDP). "Seit 1987 ist Hamburg wieder eine Stadt mit Selbstbewußtsein, eine Stadt im Aufwind."