Ein Mann von Welt: Die Schaukästen im Rathaus von Jerusalem bersten fast vor Geschenken, Preisen und Ehrengaben aus aller Welt für den Hausherrn, der am vergangenen Montag achtzig Jahre alt geworden ist. Teddy Kollek, Israels gewandtester "Außenpolitiker", ist "bloß" Bürgermeister, allerdings der bekannteste der Welt. Im Ausland wird Kollek, der in Wien groß geworden ist, wie ein König empfangen. Zuhause ist er indes nicht für die Menschenrechte zuständig, sondern für die Müllabfuhr.

Das schmerzt ihn höchstens gelegentlich. Er hat gelernt, wie wichtig die Alltagspolitik ist für das Zusammenleben in einem Vielvölkerstaat. Und er weiß auch seinen Platz in der Geschichte gesichert als einer der Architekten Israels – eines friedlichen, sozialistischen, nationalistischen und weltlichen, eines utopischen Israels, das es nie gegeben hat und dessen Ideale es nun selbst pervertiert.

Teddy Kollek, allmächtig als Kommunalpolitiker, ohnmächtig als Weltpolitiker, ist ein Fossil des "guten, reinen Israelis".

Ein Mann der Tat: Als die Ära Kollek vor über einem Vierteljahrhundert in der "Heiligen Stadt" begann, war Jerusalem ein verlorener Fleck, eine geteilte Stadt, deren schönes Antlitz vernichtet, verschüttet oder versteckt war. Ruhe- und rastlos – von seinen berühmten Nickerchen bei öden Pflichtanlässen abgesehen – ist der Bürgermeister seither auf der Spur seines Traumes: aus Jerusalem die blühendste, die prächtigste Stadt auf dem Erdball zu machen, in der Juden, Christen und Muslime unter dem vereinten Segen Jahwes, Gottes und Allahs gedeihlich miteinander leben können. Auf allen Kontinenten schnorrte er mit seinem bärbeißigen Charme Gelder zur Stadtverschönerung. Teddy Collect lautet daher einer seiner Spitznamen.

Er kümmert sich ums Kabelfernsehen, um Wasserleitungen, Parks und Buslinien. "Wir haben Tausende von Bäumen gepflanzt. Sie wachsen. ...", meint er trocken, aber stolz. Die kubanische Zigarre und das Notizbuch, in dem er die Klagen der Bürger festhält, sind ständig dabei, wenn er im Sauseschritt durch sein Jerusalem eilt. Für einen Bürgermeister, glaubt er, gilt ein elftes Gebot: "Du sollst nie geduldig sein!"

Ein Mann zwischen Steinen: Für viele Palästinenser sind seine Gänge durch die Stadt – aus Prinzip ohne Leibwächter – leere Folklore. Mitunter wird er selbst mit Steinen beworfen. Schuld an der Misere hat er nicht, aber auch kein Rezept, um den Palästinensern zu ihrem Recht zu verhelfen. Natürlich wissen sie, daß Kollek nur die Moral und nicht die Macht im Staate verkörpert.

Am Resultat ändert das freilich nichts: Der Traum von der Koexistenz mündet auch in Jerusalem in einem unsanften Erwachen. Eine militärische Besatzung mit menschlichem Gesicht, wie sie Kollek vorschwebt, scheint es nicht geben zu können.