Von Jutta Duhm-Heitzmann

Zu meiner Schande sei es gestanden – und weil es vielleicht nicht untypisch ist: Einen ganzen Festspielzyklus verbrachte ich in Bayreuth, ohne Jean Paul wahrzunehmen. So allgegenwärtig, so alles verdrängend ist der Einfluß von Richard Wagner, daß für den stillen Schreiber, den Meister der skurrilen Beobachtung, kaum etwas übrigbleibt. Fahnen, Straßennamen, Portraits auf Aschenbechern und T-Shirts – alles Wagner. Wagner bringt das Geld in die Stadt, das internationale Renommee, die Diskussion. Jean Paul? Allenfalls ein Thema für die Vorsaison. Und für die Besucher, die länger bleiben oder, wie ich, einen zweiten Sommer dort verbringen.

In dem dann drängte Jean Paul sich plötzlich vor – und machte mich, als ich seinem Drängen folgte, wütend und traurig: über die Lieblosigkeit, mit der er behandelt wird, angefangen von seinem Denkmal, taubendreckverschmutzt und patinaverkrustet auf einem der häßlichsten Plätze der Stadt, über sein Museum, das neben dem Richard-Wagner-Museum gar nicht wahrgenommen wird, bis hin zum Stadtführer, in dem „Das Bayreuth Richard Wagners“ ein eigenes Kapitel einnimmt, Jean Paul und seine Stätten aber mühsam in den einzelnen Abschnitten zusammengesucht werden müssen.

Es könnte Material für eine Geschichte mit Moral sein, so wie „Die ungleichen Brüder“ oder „Der reiche und der arme Nachbar“ – wenn Jean Paul solche Geschichten nicht komisch gefunden hätte. Lehrstücke gerieten bei ihm zu einem Kaleidoskop von bunten Einzelheiten, in dem sich Tragik und bedeutungsschwangere Gedanken auflösten in groteske Miniaturen. Und das sogar wenn er den „Lerchenblick“ auf die Welt warf, wie sein Luftschiffer Giannozzo. Als der nämlich mit seinem Ballon gen Himmel schwebte – was sah er da? „Das Spuckkästchen drunten, das Pißbidorchen, das ist der Planet.“

Fort also erst einmal von Bayreuth, auf nach Wunsiedel, der Stadt, in der Jean Paul am 21. März 1763 geboren wurde. Jean Paul beziehungsweise Johann Paul Friedrich Richter, wie er eigentlich hieß, war heimatfixiert bis in die Knochen. Die Gegend, aus der er stammte, dieses Land um das Fichtelgebirge bis hinauf nach Hof, hat ihn geprägt und beeinflußt in einem Maß, das ihm erst später im Leben bewußt wurde, als er nach achtjähriger Interims- und Reisezeit wieder zurückkehrte, um sich hier endgültig niederzulassen.

Eins muß man sich klarmachen, wenn man, wie bei uns üblich, mit dem Auto durch die milde fränkische Landschaft mit ihren weizengelben Feldern und den eingesprengten Restwäldern fährt: Jean Paul war ein leidenschaftlicher Fußgänger. Er haßte Postkutschen, war nur einmal in seinem Leben auf einem Pferd geritten – und kannte doch das ganze Gebiet ringsum so gut wie seinen Garten. Zu Fuß also war er nach Bad Berneck gegangen, in diesen hübschen alten Luftkurort, durch den heute der Verkehr röhrt, zu Fuß war er durch die dunklen Wälder des Fichtelgebirges gelaufen, über den Ochsenkopf, der heute kahl wird, weil die Fichten sterben, über die Luisenburg hinein in den Ort Wunsiedel, in dem noch heute sein Geburtshaus steht. Zu sehen ist nicht viel: das ockergelb gestrichene, mit Gedenkplakette versehene Pfarrhaus direkt an der Stadtkirche, ein idyllischer kleiner Platz mit Denkmal. Nur zwei Jahre lang hat er hier gelebt, trotzdem werden in Wunsiedel stolz die Sätze aus Jean Pauls späterer „Selberlebensbeschreibung“ zitiert: „Wie gern bin ich in dir geboren, Städtchen am langen hohen Gebirge, dessen Gipfel wie Adlerhäupter zu uns niedersehen.“ Eine gepflegte, fast nüchterne Stadt mit mittelalterlichen Resten und einer Vielzahl klassizistischer Gebäude, eine Beamtenstadt eben, einst Verwaltungssitz des „Sechsämterlandes“.

Denkwürdiger ist da schon die Luisenburg am Rande des Ortes, für die man sich Zeit lassen sollte: ein Areal mit einem Felsenlabyrinth von beeindruckender Grobheit, das auch Goethe lobend erwähnt hat und durch das schon Jean Paul geklettert ist (und sich vielleicht wie ich beinahe den Fuß verknackst hätte). Früher stand dort eine Luchsburg, aber 1805 wurde alles zu Ehren der preußischen Königin Luise, die ins nahegelegene Bad Alexandersbad zur Kur kam, in Luisenburg umgetauft. Jean Paul hat damals vor den hohen Herrschaften seinen Kotau gemacht, sogar ein Festspiel „Wechselgesang der Oreaden“ geschrieben, um eine Staatspension herauszuschinden, aber im Gegensatz zur Gemahlin mochte Seine Majestät den Dichter nicht und ließ keinen Taler springen.